Die Weimarer Republik
1919 erhielt Deutschland zum ersten Mal eine demokratische Verfassung – mit weitreichenden Rechten, aber auch mit Schwachstellen. In dieser Lektion lernst du, wie die Republik entstand, wie ihre Verfassung aufgebaut war, welche Krisen sie durchlebte und warum sie 1933 an Hitler und die Nationalsozialisten überging.
- Fach: Geschichte
- Klasse 9
- Thema: Moderne
- Dauer: 22 Min
- Niveau: Mittel
Wie aus dem Kaiserreich eine Republik wurde
Im Herbst 1918 war der Erste Weltkrieg militärisch verloren. Matrosen in Kiel verweigerten den Befehl zu einer sinnlosen Ausfahrt, aus der Meuterei wurde innerhalb weniger Tage eine Revolution im ganzen Land. Am 9. November 1918 wurde in Berlin die Republik ausgerufen, der Kaiser ging ins Exil. Anfang 1919 wählten Männer und Frauen eine Nationalversammlung – Frauen besaßen damit erstmals das Wahlrecht. Weil es in Berlin unruhig war, tagte sie in Weimar. Daher kommt der Name, der die Zeit von 1918/19 bis 1933 bezeichnet.
Die Verfassung, die dort am 11. August 1919 beschlossen wurde, war für ihre Zeit fortschrittlich. Alle Staatsgewalt ging vom Volke aus, es gab das allgemeine Wahlrecht ab 20 Jahren, Grundrechte, einen vom Volk gewählten Reichspräsidenten und einen Reichstag, der die Regierung stürzen konnte. Gleichzeitig enthielt sie Konstruktionsfehler, die später schwer wogen: Das reine Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel brachte viele kleine Parteien ins Parlament, sodass Regierungen nur als Koalitionen und oft nur kurz zustande kamen. Und Artikel 48 erlaubte dem Reichspräsidenten, in einem Notstand mit Verordnungen ohne den Reichstag zu regieren.
Hinzu kamen Belastungen von außen und innen. Der Versailler Vertrag verlangte Gebietsabtretungen, Abrüstung und hohe Reparationen; dass allein Deutschland und seine Verbündeten die Schuld am Krieg zugewiesen bekamen, empfanden viele als Demütigung. Gegner der Demokratie verbreiteten die Dolchstoßlegende, nach der nicht das Heer, sondern Politiker in der Heimat den Krieg verloren hätten. Diese Behauptung war eine Propagandalegende ohne Tatsachengrundlage – das Militär war an der Westfront erschöpft und militärisch nicht mehr in der Lage weiterzukämpfen. Trotzdem wirkte sie stark, weil sie die gewählten Politiker der jungen Republik zu Verrätern erklärte.
Stärken und Schwächen der Weimarer Verfassung
Eine Verfassung bewertet man nicht mit gut oder schlecht, sondern daran, welche Wirkung einzelne Regeln hatten. Stell die Stärken und die Schwachstellen deshalb immer nebeneinander.
Wenn du einen Text über Weimar liest, frage dich: Spricht er über Rechte der Bürger oder über die Frage, wie stabil eine Regierung arbeiten kann? Das sind zwei verschiedene Maßstäbe, die sich beide auf dieselbe Verfassung beziehen.
Stärken
Überall dort, wo es um Rechte und Mitbestimmung der Bürger geht.
Beispiele
- Frauen und Männer dürfen ab 20 Jahren wählen.
- Grundrechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind verankert.
- Der Reichstag kann eine Regierung durch Misstrauensvotum stürzen.
Signalwörter
- Volkssouveränität
- allgemeines Wahlrecht
- Grundrechte
- Gleichheit vor dem Gesetz
Schwächen
Überall dort, wo es um die Handlungsfähigkeit und Stabilität der Regierung geht.
Beispiele
- Ohne Sperrklausel kommen viele Kleinparteien in den Reichstag.
- Koalitionen zerbrechen schnell, Regierungen halten oft nur Monate.
- Artikel 48 erlaubt dem Reichspräsidenten Notverordnungen ohne Parlament.
Signalwörter
- Verhältniswahlrecht
- keine Sperrklausel
- Artikel 48
- Notverordnung
- Koalitionswechsel
| Bereich | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|
| Wahlrecht | Allgemein, gleich, geheim, ab 20 Jahren | Reine Verhältniswahl ohne Sperrklausel |
| Parlament | Reichstag kontrolliert die Regierung | Häufig wechselnde Koalitionen |
| Präsidentenamt | Vom Volk gewählt, demokratisch legitimiert | Artikel 48 ermöglicht Regieren ohne Reichstag |
| Grundrechte | Umfangreicher Katalog an Freiheitsrechten | Konnten im Notstand eingeschränkt werden |
Ursache – Verlauf – Folge: das Krisenjahr 1923
Verfolge am Jahr 1923, wie wirtschaftliche Not politische Folgen hatte – und wie die Krise beendet wurde.
Gegeben:
- Deutschland muss Reparationen zahlen und gerät mit den Lieferungen in Rückstand.
- Französische und belgische Truppen besetzen daraufhin das Ruhrgebiet.
Gesucht:
Wie kam es zur Hyperinflation und wie endete sie?Lösung:
- Ursache: Die Regierung ruft zum passiven Widerstand auf. Die Arbeit im Ruhrgebiet steht still, der Staat zahlt Löhne weiter, obwohl nichts produziert wird.
- Verlauf: Um das zu finanzieren, lässt sie immer mehr Geld drucken. Die Preise steigen ins Unvorstellbare: Ein Brot kostet im November 1923 Milliarden Mark. Ersparnisse sind wertlos, Löhne verlieren binnen Stunden an Kaufkraft.
- Verschärfung: Im selben Monat versucht Adolf Hitler mit dem sogenannten Hitler-Ludendorff-Putsch in München, die Reichsregierung gewaltsam zu stürzen. Der Putsch scheitert bereits nach einem Tag und wird von der Polizei niedergeschlagen.
- Folge: Mit der Rentenmark wird eine neue, gedeckte Währung eingeführt, der Widerstand abgebrochen und die Reparationszahlung neu geregelt. Die Währung ist stabil, das Vertrauen vieler Sparer bleibt zerstört.
Ab 1924 folgen ruhigere Jahre mit wachsender Wirtschaft und außenpolitischer Verständigung. 1923 zeigt aber, wie schnell eine junge Demokratie durch gleich mehrere Krisen gleichzeitig unter Druck geraten kann – Wirtschaftskrise, Besatzung und Putschversuch trafen im selben Jahr zusammen.
Goldene Zwanziger und Weltwirtschaftskrise
Ab 1924 stabilisierte sich die Republik spürbar. Unter Reichsaußenminister Gustav Stresemann verbesserten sich die internationalen Beziehungen: Der Dawes-Plan 1924 regelte die Reparationen neu und brachte amerikanische Kredite ins Land, 1925 sicherte der Locarno-Vertrag die Westgrenzen ab, 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei. Wirtschaft, Kunst und Kultur blühten in diesen Jahren – man spricht von den „Goldenen Zwanzigern“, auch wenn Arbeitslosigkeit und soziale Not keineswegs verschwunden waren und viele Menschen von diesem Aufschwung kaum etwas spürten.
Diese Stabilität war jedoch von ausländischen Krediten abhängig, vor allem aus den USA. Als am 24. Oktober 1929 die New Yorker Börse einbrach und die Weltwirtschaftskrise begann, zogen amerikanische Banken ihre kurzfristigen Kredite aus Deutschland ab. Fabriken schlossen, die Arbeitslosigkeit stieg bis 1932 auf über sechs Millionen Menschen. Die Regierungen unter den Reichskanzlern Brüning, von Papen und von Schleicher regierten zunehmend über Notverordnungen nach Artikel 48, weil sich im zersplitterten Reichstag kaum noch Mehrheiten fanden.
In dieser Notlage gewannen radikale Parteien an den Rändern des politischen Spektrums massiv an Zustimmung. Die NSDAP, die 1928 noch eine unbedeutende Splitterpartei war, wurde bei den Wahlen im Juli 1932 mit 37,3 Prozent stärkste Kraft im Reichstag. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung – im Glauben konservativer Politiker, ihn dadurch kontrollieren zu können.
Ursachen und Folgen: Warum die Republik scheiterte
Das Scheitern der Weimarer Republik lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Historikerinnen und Historiker sprechen von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die sich gegenseitig verstärkten. Erstens die Konstruktionsfehler der Verfassung selbst: das Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel zersplitterte den Reichstag, und Artikel 48 gewöhnte Regierung und Bevölkerung an ein Regieren ohne Parlament, lange bevor die Nationalsozialisten an der Macht waren.
Zweitens fehlte der Republik von Beginn an breite Zustimmung. Viele Beamte, Richter und Offiziere aus der Zeit des Kaiserreichs blieben im Dienst und standen der Demokratie gleichgültig bis feindlich gegenüber. Rechte wie linke Gegner der Demokratie – von rechtsextremen Freikorps bis zur kommunistischen KPD – bekämpften die Republik von Anfang an, teils mit politischer Gewalt und Attentaten, etwa auf den Politiker Walther Rathenau 1922.
Drittens trafen wirtschaftliche Erschütterungen die Republik besonders hart: die Hyperinflation 1923 vernichtete Ersparnisse und Vertrauen einer ganzen Generation, die Weltwirtschaftskrise ab 1929 brachte Massenarbeitslosigkeit. Beide Krisen ließen radikale Parteien als Alternative erscheinen, die einfache Lösungen für komplexe Probleme versprachen. Keiner dieser Faktoren allein hätte die Demokratie zu Fall gebracht; erst ihr Zusammenwirken machte sie so verwundbar, dass Hindenburg und konservative Eliten den Weg für Hitlers Machtübertragung 1933 freimachten.
Typische Fehler und Tipps für die Klassenarbeit
Der häufigste Fehler ist es, die Weimarer Republik mit dem NS-Staat gleichzusetzen oder beide Epochen zu vermischen. Die Weimarer Republik war eine Demokratie mit freien Wahlen und mehreren konkurrierenden Parteien, auch wenn sie instabil war. Der NS-Staat ab 1933 war eine Diktatur mit nur einer erlaubten Partei. Die Republik endete, als Hitler Reichskanzler wurde – sie ging nicht fließend in die Diktatur über, sondern wurde innerhalb weniger Monate 1933 gezielt zerschlagen.
Ein zweiter Fehler ist es, die Hyperinflation von 1923 mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 zu verwechseln. Das sind zwei verschiedene Krisen mit unterschiedlichen Ursachen: 1923 ging es um Reparationen, Ruhrbesetzung und das Drucken von Geld, 1929 um einen internationalen Börsencrash und den Abzug von Krediten. Beide schadeten der Republik, aber aus unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Für die Klassenarbeit hilft es, Jahreszahlen an Ereignisse zu binden statt sie isoliert zu lernen: 1918/19 Revolution und Verfassung, 1923 Ruhrbesetzung, Hyperinflation und Putschversuch, 1924 bis 1929 Stabilisierung, 1929 Weltwirtschaftskrise, 1933 Machtübertragung an Hitler. Wenn eine Aufgabe nach Ursache und Folge fragt, nenne immer mehrere Faktoren statt nur einen einzigen Grund – das entspricht dem heutigen Forschungsstand zur Weimarer Republik.
Jetzt bist du dran!
Warum trägt die Republik den Namen „Weimarer Republik“?
Noch nicht. Die verfassungsgebende Nationalversammlung tagte in Weimar, weil Berlin als zu unruhig galt. Hauptstadt blieb aber Berlin.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Republik entstand 1918/19 aus Kriegsniederlage und Revolution; die Verfassung wurde am 11. August 1919 in Weimar beschlossen.
- Stärken: Volkssouveränität, Grundrechte, Wahlrecht für Frauen und Männer ab 20 Jahren. Schwächen: Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel, wechselnde Koalitionen, Notverordnungen nach Artikel 48.
- 1923 brachte Ruhrbesetzung, Hyperinflation und den gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch; die Rentenmark beendete die Währungskrise, nicht aber das Misstrauen.
- Ab 1924 folgten die „Goldenen Zwanziger“ mit außenpolitischer Verständigung, ab 1929 stürzte die Weltwirtschaftskrise die Republik in ihre schwerste Krise.
- Das Scheitern 1933 hatte mehrere Ursachen zugleich: Verfassungsschwächen, fehlende Zustimmung der Eliten, politische Gewalt und zwei Wirtschaftskrisen.
- Typischer Fehler: Die Weimarer Republik fälschlich mit dem NS-Staat gleichsetzen – sie war bis 1933 eine Demokratie mit freien Wahlen.
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Häufige Fragen zu Die Weimarer Republik
- Warum ist die Weimarer Republik gescheitert?
- Nicht wegen eines einzigen Grundes, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren: Konstruktionsfehler der Verfassung wie das Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel und Artikel 48, fehlende Zustimmung vieler Beamter und Eliten zur Demokratie, politische Gewalt von rechts und links sowie zwei schwere Wirtschaftskrisen 1923 und ab 1929. Erst ihr Zusammenspiel machte die Republik so verwundbar.
- Was war die Hyperinflation von 1923?
- Nach der Besetzung des Ruhrgebiets finanzierte die Regierung den passiven Widerstand, indem sie immer mehr Geld drucken ließ. Die Preise stiegen ins Unermessliche, im November 1923 kostete ein Brot Milliarden Mark. Ersparnisse wurden praktisch wertlos. Die neue Rentenmark beendete die Krise Ende 1923, aber viele Menschen verloren dauerhaft das Vertrauen in die Republik.
- Wer war Reichspräsident während der Weimarer Republik?
- Erster Reichspräsident war von 1919 bis 1925 der Sozialdemokrat Friedrich Ebert. Ihm folgte 1925 der ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der bis zu seinem Tod 1934 im Amt blieb. Hindenburg ernannte am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler, wodurch die demokratische Phase der Republik faktisch endete.
- Was waren die Goldenen Zwanziger?
- Als „Goldene Zwanziger“ bezeichnet man die Jahre etwa von 1924 bis 1929, in denen sich die Weimarer Republik wirtschaftlich und außenpolitisch stabilisierte. Kunst, Film und Kultur blühten in dieser Zeit auf. Der Aufschwung beruhte aber stark auf ausländischen, vor allem amerikanischen Krediten und kam nicht bei allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen an.
- Was ist die Dolchstoßlegende?
- Die Dolchstoßlegende war die falsche Behauptung, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg nicht militärisch besiegt worden, sondern von Politikern in der Heimat „von hinten erdolcht“ worden. Diese Propagandalegende hatte keine Tatsachengrundlage, wurde aber von Gegnern der Demokratie gezielt verbreitet, um die Politiker der Republik als Verräter darzustellen.
- Was ist der Unterschied zwischen der Weimarer Republik und dem Kaiserreich?
- Im Kaiserreich war der Kaiser erbliches Staatsoberhaupt, die Regierung war ihm verantwortlich, und nur Männer ab 25 Jahren durften wählen. In der Weimarer Republik wurde der Reichspräsident vom Volk gewählt, die Regierung war dem Reichstag verantwortlich, und Frauen sowie Männer ab 20 Jahren besaßen das Wahlrecht. Die Republik war eine parlamentarische Demokratie, das Kaiserreich eine konstitutionelle Monarchie.
- Warum wurde die NSDAP in der Weimarer Republik so stark?
- 1928 war die NSDAP mit 2,6 Prozent noch eine unbedeutende Splitterpartei. Erst die Weltwirtschaftskrise ab 1929 mit Massenarbeitslosigkeit verschaffte ihr enormen Zulauf: Im Juli 1932 erhielt sie 37,3 Prozent der Stimmen und wurde stärkste Partei im Reichstag. Wirtschaftliche Not und das Versprechen einfacher Lösungen erklären diesen raschen Aufstieg maßgeblich.
- Wann endete die Weimarer Republik genau?
- Historikerinnen und Historiker setzen das Ende meist auf den 30. Januar 1933, als Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte. Formal blieb die Weimarer Verfassung noch länger in Kraft, wurde aber durch Notverordnungen und das Ermächtigungsgesetz vom März 1933 faktisch außer Kraft gesetzt. Die demokratische Phase der Republik war damit vorbei.
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