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Gedichte analysieren

Eine Gedichtanalyse verbindet Beobachtung und Deutung: Du beschreibst Form und Sprache und erklärst, was sie bewirken. In dieser Lektion lernst du den Aufbau der Analyse, wie du Reimschema und Metrum bestimmst und wie du richtig zitierst.

  • Fach: Deutsch
  • Klasse 9
  • Thema: Literatur
  • Dauer: 18 Min
  • Niveau: Schwer
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Warum man an der Form ansetzt

Ein Gedicht sagt nicht nur etwas, es sagt es auf eine bestimmte Weise – in Zeilen, Strophen, Rhythmus und Klang. Genau darin liegt die Aufgabe der Analyse: Du weist nach, dass die Form nicht zufällig ist, sondern zur Aussage gehört. Ein Sonett mit strengem Bau wirkt anders als freie Verse ohne Reim, und wenn ein Reim an einer Stelle ausbleibt, fällt das auf.

Der Aufbau ist festgelegt. Die Einleitung nennt Titel, Autor oder Autorin, Erscheinungsjahr, wenn bekannt die Epoche, und in einem Satz das Thema. Der Hauptteil beginnt mit der inhaltlichen Gliederung – worüber spricht welche Strophe – und geht dann zur Form: Strophen- und Verszahl, Reimschema, Metrum, Kadenzen, Enjambements. Anschließend die Sprache: Wortfelder, Satzbau, rhetorische Mittel. Jede Beobachtung wird gedeutet. Der Schluss fasst die Deutung zusammen und kann die Wirkung auf dich knapp benennen.

Der häufigste Fehler ist die Aufzählung ohne Deutung: „In Vers 3 steht eine Metapher, in Vers 5 eine Alliteration.“ Das ist eine Liste, keine Analyse. Arbeite immer in drei Schritten – Beobachtung, Belegstelle mit Versangabe, Deutung. Und zitiere korrekt: Zitate stehen in Anführungszeichen, mit Versangabe in Klammern (V. 7) oder bei mehreren Versen (V. 7 f.); Zeilenumbrüche markierst du mit einem Schrägstrich.

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Beschreiben oder deuten?

Eine gute Analyse besteht aus beidem, und zwar in genau dieser Reihenfolge: erst die überprüfbare Beobachtung, dann die Deutung. Wer nur beschreibt, bleibt bei einer Inventarliste. Wer nur deutet, behauptet ohne Beleg.

Die Probe: Zu jeder Deutung muss sich eine Versangabe finden lassen. Gibt es keine, hast du etwas in den Text hineingelesen.

Beschreiben (Beobachtung)

Du hältst fest, was im Text objektiv nachweisbar ist. Darüber kann man nicht streiten.

Beispiele

  • Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit je vier Versen.
  • Die erste Strophe folgt dem Kreuzreim abab.
  • In Vers 5 bricht der Satz über das Versende hinweg weiter (Enjambement).

Signalwörter

  • Zahlen: Strophen, Verse, Silben
  • Fachbegriffe: Kreuzreim, Paarreim, Jambus, Enjambement
  • Versangaben wie (V. 5), (V. 7 f.)
  • Verben wie „besteht aus“, „folgt“, „wiederholt sich“
  • überprüfbar, ohne Wertung

Deuten (Wirkung)

Du erklärst, was die Beobachtung für die Aussage des Gedichts bedeutet – immer am Beleg entlang.

Beispiele

  • Der regelmäßige Kreuzreim gibt dem Gedicht einen ruhigen, geordneten Gang und unterstreicht die Harmonie der Naturbeschreibung.
  • Das Enjambement in Vers 5 lässt die Zeile überfließen und spiegelt so die Unruhe des Sprechers.
  • Das Wortfeld der Dunkelheit („Nacht“, „Schatten“, „schwarz“) verdichtet die bedrohliche Stimmung.

Signalwörter

  • Verben wie „bewirkt“, „unterstreicht“, „spiegelt“, „verstärkt“
  • Verbindungen wie „dadurch“, „so entsteht“
  • Bezug zum lyrischen Ich, nicht zum Autor
  • immer mit Zitat und Versangabe
  • Konjunktiv bei Unsicherheit: „könnte darauf hindeuten“
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Eine Strophe analysieren

Analysiere die Form und Sprache dieser erfundenen Strophe und deute sie.

Gegeben:

  • „Der Abend sinkt, die Wege sind verweht,ein Fenster glimmt, doch niemand bleibt zu Haus. / Ich gehe weiter, weil der Atem geht, / und trage meinen Schatten mit hinaus.“

Gesucht:

Beobachtungen mit Deutung, korrekt belegt

Lösung:

  1. Form bestimmen: vier Verse, Reimschema abab – ein Kreuzreim. Die Reimwörter „verweht“ und „geht“ sowie „Haus“ und „hinaus“ belegen das.
  2. Metrum abzählen: die Hebungen liegen auf jeder zweiten Silbe, fünf Hebungen je Vers – ein fünfhebiger Jambus. Der gleichmäßige Takt erzeugt einen ruhigen, fast schreitenden Gang.
  3. Sprachliche Mittel suchen und belegen: „Der Abend sinkt“ (V. 1) ist eine Personifikation, „trage meinen Schatten mit hinaus“ (V. 4) eine Metapher für eine Last, die das lyrische Ich nicht abstellen kann.
  4. Deutung anschließen: Der regelmäßige Takt steht im Gegensatz zur Einsamkeit der Bilder – das lyrische Ich geht weiter, ohne Ziel, nur „weil der Atem geht“ (V. 3).

Aus vier Beobachtungen entsteht eine Deutung: Die äußere Ordnung der Form hält eine innere Leere zusammen. Jede Aussage ist mit Versangabe belegt – ein Satz wie „das Gedicht ist traurig“ ohne Beleg wäre dagegen wertlos.

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Jetzt bist du dran!

Aufgabe 1 von 3

Wie heißt das Reimschema abab? Schreibe nur den Fachbegriff.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Aufbau: Einleitung mit Titel, Autor, Jahr, Epoche und Thema – Hauptteil mit Inhalt, Form und Sprache – Schluss mit zusammenfassender Deutung.
  • Jede Beobachtung braucht Beleg und Deutung: Was steht da, wo steht es, was bewirkt es?
  • Reimschema und Metrum gehören zur Formanalyse: Kreuzreim abab, Paarreim aabb, umarmender Reim abba.
  • Zitate in Anführungszeichen mit Versangabe (V. 4), Zeilenumbruch als Schrägstrich.
  • Typischer Fehler: Mittel aufzählen, ohne ihre Wirkung zu deuten – oder zitieren ohne Versangabe.

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