Märchen und ihre Merkmale
Märchen erkennst du schon am ersten Satz – und das ist kein Zufall, sondern folgt festen Regeln. In dieser Lektion lernst du die typischen Merkmale eines Märchens kennen, unterscheidest Volksmärchen von Kunstmärchen und kannst an einem Text nachweisen, dass er wirklich ein Märchen ist.
- Fach: Deutsch
- Klasse 5
- Thema: Literatur
- Dauer: 15 Min
- Niveau: Einfach
Woran du ein Märchen erkennst
„Es war einmal ein armer Müller, der hatte eine schöne Tochter.“ Nach diesem Satz weiß jeder, woran er ist. Märchen sind erfundene Erzählungen, in denen das Wunderbare völlig selbstverständlich vorkommt: Tiere sprechen, Spiegel antworten, Hexen verwandeln Menschen. Niemand im Märchen staunt darüber, und niemand erklärt es. Genau das unterscheidet das Märchen von einer Geschichte, die in unserer Welt spielen soll.
Ort und Zeit bleiben unbestimmt. Es heißt „in einem großen Wald“ und „es war einmal“, nie „1823 bei Kassel“. Auch die Figuren haben keine ausgearbeitete Persönlichkeit, sondern eine Rolle: der König, die Stiefmutter, der jüngste Sohn. Sie sind entweder gut oder böse, dazwischen gibt es nichts. Am Ende wird das Gute belohnt und das Böse bestraft – dieses gute Ende gehört so fest zum Märchen, dass man es als Merkmal zählen kann.
Dazu kommen Besonderheiten der Sprache. Zahlen wiederholen sich in festen Mustern, meist drei oder sieben: drei Wünsche, drei Prüfungen, sieben Zwerge. Feste Formeln eröffnen und beenden den Text. Zaubersprüche und Reime kehren wortgleich wieder, weil Märchen jahrhundertelang mündlich weitergegeben wurden und solche Bausteine dem Erzähler beim Behalten halfen. Die Sätze sind einfach gebaut und meist im Präteritum erzählt.
Volksmärchen oder Kunstmärchen?
Nicht jedes Märchen ist alt und überliefert. Man unterscheidet das Volksmärchen, das niemand geschrieben, sondern viele erzählt haben, vom Kunstmärchen, das ein bestimmter Autor bewusst verfasst hat. Die Merkmale sind ähnlich, aber die Kunstmärchen gehen freier damit um.
Volksmärchen
Über Generationen mündlich weitergegeben und erst später aufgeschrieben – etwa von den Brüdern Grimm, die im 19. Jahrhundert sammelten, was Menschen ihnen erzählten. Es gibt keinen einzelnen Verfasser.
Beispiele
- „Frau Holle“ – fleißige und faule Tochter, Lohn und Strafe
- „Hänsel und Gretel“ – Kinder im Wald, Hexe, gutes Ende
- „Der Wolf und die sieben Geißlein“ – die Zahl sieben als Muster
Signalwörter
- Eingangsformel „Es war einmal“ und Schlussformel
- keine Ortsangabe, keine Jahreszahl
- Figuren ohne Namen: der König, die Stiefmutter
- klare Einteilung in gut und böse, gutes Ende
- Zahlen drei und sieben, wiederkehrende Verse
Kunstmärchen
Von einer bekannten Autorin oder einem bekannten Autor geschrieben, in einer festen Fassung. Es nutzt Märchenmerkmale, darf aber traurig enden, länger und verschachtelter sein und eine Botschaft ausdrücken.
Beispiele
- Hans Christian Andersen: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – kein glückliches Ende
- Wilhelm Hauff: „Das kalte Herz“ – ausführliche Beschreibungen
- Oscar Wilde: „Der selbstsüchtige Riese“ – deutliche Botschaft
Signalwörter
- nachweisbarer Verfasser und Entstehungsjahr
- nur eine verbindliche Textfassung
- Figuren mit Namen und Gefühlen
- Ende darf offen oder traurig sein
- längere, kunstvollere Sätze und Beschreibungen
Merkmale an einem Textanfang nachweisen
Weise an diesem Textanfang nach, dass es sich um ein Volksmärchen handelt. Nenne für jedes Merkmal die Stelle, die es belegt.
Gegeben:
- „Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul.“
Gesucht:
drei belegbare MärchenmerkmaleLösung:
- Achte auf den Anfang: „Es war einmal“ ist die klassische Eingangsformel. Sie verschiebt die Handlung in eine unbestimmte Vergangenheit und ist das sicherste Einzelmerkmal.
- Prüfe Ort und Zeit: Beides fehlt vollständig. Es gibt kein Land, keine Stadt, keine Jahreszahl – nur „eine Witwe“.
- Prüfe die Figuren: Sie haben keine Namen, nur Rollen (Witwe, Töchter), und sie werden in einem einzigen Satz in gut und böse eingeteilt: fleißig gegen faul, schön gegen hässlich. Diese Gegensatzpaare kündigen an, dass die eine belohnt und die andere bestraft wird.
- Zähle die Zahl: zwei Töchter sind der Ausgangspunkt, der im Märchen typische Dreischritt folgt meist bei den Prüfungen. Der vorliegende Satz zeigt schon das Prinzip der festen Zahlen.
Der Text ist ein Volksmärchen: Eingangsformel „Es war einmal“, fehlende Orts- und Zeitangabe, namenlose Figuren in strikter Einteilung in gut und böse. Es handelt sich um den Anfang von „Frau Holle“ aus der Sammlung der Brüder Grimm.
Jetzt bist du dran
Welches der folgenden Merkmale gehört nicht zum Volksmärchen?
Noch nicht. Genaue Jahreszahlen und reale Orte widersprechen dem Märchen: Es spielt bewusst nirgendwo und irgendwann. Solche Angaben findest du eher in der Sage oder im historischen Bericht.
Das Wichtigste in Kürze
- Märchen spielen nirgendwo und irgendwann – Ort und Zeit bleiben offen.
- Das Wunderbare gilt als selbstverständlich und wird nie erklärt.
- Figuren sind Rollen statt Persönlichkeiten und klar in gut und böse geteilt.
- Feste Formeln, Zaubersprüche und die Zahlen drei und sieben prägen die Sprache.
- Typischer Fehler: Märchen und Sage werden verwechselt. Die Sage nennt einen echten Ort und tut so, als sei sie wirklich passiert – das Märchen verzichtet bewusst darauf.
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Schließe alle Aufgaben ab, um diese Lektion zu beenden.
Das solltest du vorher können
- Erzählende Texte verstehenin Arbeit
- Inhaltsangabe schreibenin Arbeit
Das kommt als Nächstes
- Fabeln und ihre Lehrein Arbeit
- Sagen und Legendenin Arbeit