Partielle Integration: Formel, Beispiele und Übungen
Die partielle Integration ist ein Verfahren, mit dem du Integrale von Produkten wie x · eˣ oder x · sin x berechnest, indem du die Produktregel des Ableitens umkehrst. Du lernst die Formel, die richtige Wahl der beiden Faktoren und rechnest ein unbestimmtes und ein bestimmtes Integral vor. Dazu kommen fünf Aufgaben.
- Fach: Mathematik
- Klasse 12
- Thema: Analysis
- Dauer: 20 Min
- Niveau: Schwer
Partielle Integration: Die Produktregel rückwärts
Die partielle Integration ist das Gegenstück zur Produktregel beim Ableiten. Sie verwandelt ein Integral über ein Produkt in ein einfacheres Integral, sodass du die Stammfunktion Stück für Stück bestimmen kannst. Du brauchst sie immer dann, wenn der Integrand aus zwei Faktoren besteht, die sich nicht mit einer einfachen Regel integrieren lassen, zum Beispiel x · eˣ.
Der Gedanke dahinter ist kurz erklärt. Die Produktregel besagt (u · v)′ = u′ · v + u · v′. Wenn du beide Seiten integrierst, steht links u · v und rechts die Summe zweier Integrale. Stellst du die Gleichung um, ergibt sich die Formel der partiellen Integration. Sie ist also nichts Neues, sondern die Produktregel von der anderen Seite gelesen.
Der Trick liegt in der Wahl der Faktoren. Du entscheidest, welcher Faktor integriert und welcher abgeleitet wird. Der abgeleitete Faktor soll dabei einfacher werden: Ein Polynom wie x wird beim Ableiten zur 1, ein Logarithmus ln x zu 1 : x. Der integrierte Faktor muss sich leicht integrieren lassen, wie eˣ, sin x oder cos x. Wählst du falsch, wird das neue Integral schwerer statt leichter.
Für viele Standardfälle gibt es eine feste Reihenfolge, die du dir merken kannst. Polynome und Logarithmen leitest du ab, e-Funktionen, Sinus und Kosinus integrierst du. Damit löst du die meisten Schulaufgaben in zwei bis drei Zeilen.
| Faktor | Wird… | Beispiele |
|---|---|---|
| Polynom | abgeleitet (wird einfacher) | x, x², 2x + 1 |
| Logarithmus | abgeleitet | ln x |
| e-Funktion | integriert | eˣ, e²ˣ |
| Sinus, Kosinus | integriert | sin x, cos x |
Partielle Integration: Die Formel
Die Formel der partiellen Integration lautet: Das Integral von u′ · v ist u · v minus das Integral von u · v′. Du teilst den Integranden in zwei Faktoren auf. Den einen nennst du u′ und integrierst ihn zu u, den anderen nennst du v und leitest ihn zu v′ ab. Danach setzt du alles in die Formel ein.
Das neue Integral u · v′ ist im besten Fall deutlich einfacher als das ursprüngliche. Bei x · eˣ mit u′ = eˣ und v = x wird daraus ∫ eˣ · 1 dx, also ein Standardintegral. Beachte das Minuszeichen vor dem Restintegral: Es ist die häufigste Fehlerquelle.
Bei bestimmten Integralen gilt die Formel mit Grenzen: Der Term u · v wird zwischen a und b ausgewertet, das Restintegral behält seine Grenzen. Du kannst auch erst die Stammfunktion bestimmen und danach die Grenzen einsetzen. Beide Wege führen zum selben Ergebnis, der zweite ist oft übersichtlicher.
- u
- Stammfunktion des Faktors, der integriert wird
- v
- Faktor, der abgeleitet wird
- x
- Integrationsvariable
Beispiel 1: Partielle Integration von x · eˣ
Bestimme eine Stammfunktion von f(x) = x · eˣ.
Gegeben:
- Integrand: x · eˣ
- Wahl: u′eˣ, vx
Gesucht:
Stammfunktion F(x)Lösung:
- Hilfsgrößen: Aus u′ = eˣ folgt u = eˣ. Aus v = x folgt v′ = 1.
- Formel einsetzen: ∫ x · eˣ dxx · eˣ − ∫ 1 · eˣ dx.
- Restintegral lösen: ∫ eˣ dx = eˣ. Damit ist ∫ x · eˣ dx = x · eˣ − eˣ + C.
- Probe: Die Ableitung von x · eˣ − eˣ ist eˣ + x · eˣ − eˣ = x · eˣ. Das passt.
Eine Stammfunktion ist F(x) = (x − 1) · eˣ, allgemein F(x) = (x − 1) · eˣ + C. Mit der Wahl v = x wurde das Restintegral zu einem Standardintegral.
Beispiel 2: ln x durch partielle Integration
Berechne das bestimmte Integral ∫ von 1 bis e über ln x dx.
Gegeben:
- Integrand: ln x1 · ln x
- Grenzen: 1 und e
- Wahl: u′1, vln x
Gesucht:
Wert des IntegralsLösung:
- Der Trick: Schreibe ln x als 1 · ln x. Dann ist u′ = 1, also u = x, und v = ln x, also v′ = 1 : x.
- Formel: ∫ ln x dxx · ln x − ∫ x · (1 : x) dxx · ln x − ∫ 1 dxx · ln x − x + C.
- Grenzen einsetzen: Bei e gilt e · ln e − e = e − e = 0. Bei 1 gilt 1 · ln 1 − 1 = 0 − 1 = −1.
- Differenz bilden: 0 − (−1)1.
Das Integral hat den Wert 1. Die Fläche unter dem Graphen von ln x zwischen 1 und e beträgt also genau 1 Flächeneinheit.
| Stelle | x · ln x − x | Wert |
|---|---|---|
| x = e | e · 1 − e | 0 |
| x = 1 | 1 · 0 − 1 | −1 |
| Differenz | 0 − (−1) | 1 |
Typische Fehler bei der partiellen Integration
Der häufigste Fehler ist das Vorzeichen. Die Formel hat ein Minus vor dem Restintegral, und das geht in der Eile leicht verloren. Besonders heikel wird es, wenn das Restintegral selbst ein Minus enthält, etwa bei ∫ x · cos x dx. Schreibe den Rest immer in Klammern und löse die Klammer erst ganz am Ende auf.
Der zweite Fehler ist die falsche Wahl der Faktoren. Wer bei x · eˣ den Faktor x integriert, bekommt x²/2 · eˣ minus ein Integral mit x² und ist weiter vom Ziel entfernt als am Anfang. Die Faustregel hilft: Das Polynom wird abgeleitet. Wenn dein neues Integral komplizierter aussieht als das alte, wechsle die Rollen. Bei x² · eˣ musst du die partielle Integration zweimal anwenden, weil das Polynom erst bei der zweiten Ableitung zur Konstanten wird.
Der dritte Fehler passiert bei bestimmten Integralen: Die Grenzen werden nur beim Restintegral eingesetzt, aber nicht bei u · v. Der Term u · v muss ebenfalls zwischen den Grenzen ausgewertet werden. Außerdem vergessen viele die Konstante C beim unbestimmten Integral. Eine Probe durch Ableiten deckt alle drei Fehler auf.
Partielle Integration in Klausur und Anwendung
In Klausuren der Oberstufe taucht die partielle Integration meist in drei Formen auf. Du berechnest eine Stammfunktion, ein bestimmtes Integral oder eine Fläche unter einer Kurve. Schreibe immer ausdrücklich auf, welche Faktoren du wählst, denn dafür gibt es Punkte. Der Ansatz ist wichtiger als die Rechnung. Bei Aufgaben wie ∫ von 0 bis π über x · sin x dx wählst du u′ = sin x und v = x und erhältst als Ergebnis π.
Sonderfälle erkennst du an der Form des Integranden. Bei x² · eˣ brauchst du zwei Durchgänge. Das Ergebnis des bestimmten Integrals von 0 bis 1 ist e − 2 ≈ 0,718. Bei eˣ · sin x kommt nach zwei Durchgängen das Ausgangsintegral wieder vor, und du löst die entstehende Gleichung nach dem Integral auf. Diese Fälle sind aber eher Aufgaben für Leistungskurse.
Sinnvoll ist die partielle Integration auch dort, wo kein offensichtliches Produkt steht. Die Stammfunktion von ln x ist so ein Fall. Zudem begegnen dir die Formel und das Prinzip später in Physik und Statistik, etwa bei der Berechnung von Erwartungswerten stetiger Verteilungen.
Jetzt bist du dran!
Welche Wahl ist für ∫ x · cos x dx sinnvoll?
Noch nicht. Der Faktor x wird beim Ableiten zur 1 und damit einfacher. cos x lässt sich leicht integrieren. Mit u′ = x würde ein Integral mit x² und sin x entstehen, das schwerer ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Die partielle Integration kehrt die Produktregel um und eignet sich für Integrale von Produkten.
- Formel: ∫ u′ · v dx = u · v − ∫ u · v′ dx.
- Der Faktor, der beim Ableiten einfacher wird (Polynom, ln x), ist v. Der leicht integrierbare Faktor (eˣ, sin x, cos x) ist u′.
- ln x lässt sich mit u′ = 1 und v = ln x integrieren: ∫ ln x dx = x · ln x − x + C.
- Typischer Fehler: Minus vor dem Restintegral vergessen oder u · v bei bestimmten Integralen nicht an den Grenzen auswerten.
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Häufige Fragen zu Partielle Integration: Formel, Beispiele und Übungen
- Was ist die partielle Integration?
- Die partielle Integration ist ein Verfahren, mit dem du Integrale von Produkten berechnest. Sie beruht auf der umgekehrten Produktregel und lautet ∫ u′ · v dx = u · v − ∫ u · v′ dx. Du teilst den Integranden in zwei Faktoren, integrierst den einen und leitest den anderen ab.
- Wann benutzt man die partielle Integration?
- Du nutzt sie, wenn der Integrand ein Produkt ist und sich nicht einfacher umformen lässt. Typische Fälle sind x · eˣ, x · sin x, x · cos x und ln x. Hängt ein Faktor mit der Ableitung des anderen zusammen, ist die Integration durch Substitution oft besser.
- Wie wähle ich u und v bei der partiellen Integration?
- Der Faktor, der beim Ableiten einfacher wird, ist v. Das sind Polynome und Logarithmen. Der Faktor, den du leicht integrierst, ist u′. Das sind e-Funktionen, Sinus und Kosinus. Wenn das neue Integral komplizierter wird, vertausche die Rollen.
- Wie integriere ich ln x?
- Du schreibst ln x als 1 · ln x und wählst u′ = 1 und v = ln x. Dann ist u = x und v′ = 1 : x. Aus der Formel folgt ∫ ln x dx = x · ln x − ∫ 1 dx = x · ln x − x + C. Die Probe durch Ableiten bestätigt das Ergebnis.
- Wie berechne ich ein bestimmtes Integral mit partieller Integration?
- Du wendest die Formel mit Grenzen an: [u · v] zwischen a und b minus das Integral von u · v′ zwischen a und b. Bequemer ist es oft, zuerst die Stammfunktion zu bestimmen und danach die Grenzen einzusetzen. Vergiss nicht, auch den Term u · v an den Grenzen auszuwerten.
- Was ist der Unterschied zwischen partieller Integration und Substitution?
- Die Substitution kehrt die Kettenregel um und eignet sich für verkettete Funktionen mit passender innerer Ableitung. Die partielle Integration kehrt die Produktregel um und hilft bei Produkten ohne diesen Zusammenhang. Manchmal braucht man beide Verfahren nacheinander.
- Wie oft kann man partiell integrieren?
- So oft, bis das Restintegral einfach genug ist. Bei x² · eˣ brauchst du zwei Durchgänge, bei x³ · eˣ drei, weil das Polynom bei jedem Durchgang einen Grad verliert. Bei eˣ · sin x kehrt das Ausgangsintegral nach zwei Durchgängen zurück, dann löst du die Gleichung danach auf.
- In welcher Klasse lernt man die partielle Integration?
- Die partielle Integration steht in der Qualifikationsphase der Oberstufe, meist in Klasse 12. In manchen Bundesländern gehört sie nur zum erhöhten Anforderungsniveau. Voraussetzungen sind die Produktregel, Stammfunktionen und die Integralrechnung.
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