Uneigentliche Integrale: Berechnung, Beispiele, Übungen
Uneigentliche Integrale sind Integrale, bei denen eine Grenze unendlich ist oder die Funktion am Rand nicht definiert ist, und du berechnest sie über einen Grenzwert. Du lernst, wann die Fläche endlich bleibt, rechnest ein konvergentes und ein divergentes Beispiel vor und übst mit fünf Aufgaben.
- Fach: Mathematik
- Klasse 12
- Thema: Analysis
- Dauer: 18 Min
- Niveau: Schwer
Uneigentliche Integrale: Kann eine unendliche Fläche endlich sein?
Uneigentliche Integrale berechnen die Fläche unter einem Graphen, die sich ins Unendliche erstreckt oder bis an eine Stelle reicht, an der die Funktion nicht definiert ist. Du rechnest sie, indem du die Problemstelle durch eine Variable b ersetzt, normal integrierst und dann b gegen die Problemstelle laufen lässt. Das Ergebnis ist ein Grenzwert.
Das Überraschende daran: Eine Fläche, die unendlich weit reicht, kann trotzdem einen endlichen Inhalt haben. Der Graph von f(x) = 1 : x² nähert sich der x-Achse so schnell an, dass die Fläche rechts von x = 1 genau 1 Flächeneinheit beträgt. Der Graph von 1 : x sinkt dagegen langsamer, und seine Fläche wächst ohne Grenze. Beide sehen ähnlich aus, verhalten sich aber völlig anders.
Es gibt zwei Typen. Beim ersten Typ ist eine Integrationsgrenze unendlich, zum Beispiel ∫ von 1 bis ∞. Beim zweiten Typ ist die Funktion an einer Grenze nicht definiert, etwa ∫ von 0 bis 1 über 1 : √x, weil bei x = 0 durch null geteilt würde. In beiden Fällen kannst du nicht einfach die Grenze einsetzen und musst den Umweg über den Grenzwert gehen.
Hat der Grenzwert einen endlichen Wert, heißt das Integral konvergent. Existiert er nicht oder ist er unendlich, heißt das Integral divergent. Zu klären, welcher Fall vorliegt, ist die eigentliche Aufgabe, und danach folgt meist die Frage nach dem Wert.
| Exponent p | Funktion | Verhalten | Wert |
|---|---|---|---|
| 1 | 1 : x | divergent | unendlich |
| 2 | 1 : x² | konvergent | 1 |
| 3 | 1 : x³ | konvergent | 1 : 2 |
| 4 | 1 : x⁴ | konvergent | 1 : 3 |
Uneigentliche Integrale mit Grenzwert berechnen
Die Grundidee ist immer dieselbe: Du ersetzt die unendliche Grenze durch b, berechnest das Integral bis b und lässt danach b gegen unendlich gehen. Schreibst du es gleich in einem Zug auf, steht vor dem Integral das Zeichen lim mit b → ∞. Du darfst nie ∞ direkt in die Stammfunktion einsetzen, denn unendlich ist keine Zahl.
Bei einer Lücke am Rand läuft der Grenzwert von innen gegen die Lücke. Für ∫ von 0 bis 1 über 1 : √x setzt du eine kleine Zahl c als untere Grenze, rechnest ∫ von c bis 1 und lässt c von rechts gegen 0 gehen. Du näherst dich der kritischen Stelle also nur an, ohne sie zu betreten.
Wichtig ist, was mit der Stammfunktion bei großen b passiert. Terme wie 1 : b oder e⁻ᵇ gehen gegen null, Terme wie b oder ln b wachsen über jede Grenze. Diese Grenzwerte musst du kennen oder aus der Grenzwertlehre abrufen. Ist ein Anteil unendlich, divergiert das ganze Integral.
- a
- Feste untere Grenze
- b
- Obere Grenze, die gegen unendlich läuft
- f
- Integrand, die Funktion unter dem Integral
Beispiel 1: Ein konvergentes uneigentliches Integral
Berechne ∫ von 1 bis ∞ über 1 : x² dx.
Gegeben:
- f(x)1 : x²x⁻²
- untere Grenze 1, obere Grenze unendlich
Gesucht:
Wert des Integrals oder DivergenzLösung:
- Ersetze die obere Grenze durch b und integriere: ∫ von 1 bis b über x⁻² dx = [−1 : x] von 1 bis b.
- Setze die Grenzen ein: −1 : b − (−1 : 1) = 1 − 1 : b.
- Bilde den Grenzwert: Für b gegen unendlich geht 1 : b gegen 0, also geht 1 − 1 : b gegen 1.
- Deutung: Der Grenzwert ist eine endliche Zahl, das Integral konvergiert gegen 1.
Das Integral hat den Wert 1. Die Fläche unter dem Graphen von 1 : x² rechts von x = 1 ist trotz ihrer unendlichen Länge genau eine Flächeneinheit groß.
Beispiel 2: Ein divergentes uneigentliches Integral
Untersuche ∫ von 1 bis ∞ über 1 : x dx.
Gegeben:
- f(x)1 : x
- untere Grenze 1, obere Grenze unendlich
Gesucht:
Konvergenz oder DivergenzLösung:
- Ersetze unendlich durch b: ∫ von 1 bis b über 1 : x dx = [ln x] von 1 bis b.
- Setze die Grenzen ein: ln b − ln 1 = ln b − 0 = ln b.
- Bilde den Grenzwert: Für b gegen unendlich wächst ln b über jede Schranke.
- Deutung: Es gibt keinen endlichen Grenzwert. Das Integral divergiert.
Das Integral ist divergent. Obwohl der Graph von 1 : x der x-Achse immer näher kommt, ist die Fläche darunter unendlich groß. Der Unterschied zu 1 : x² liegt im Exponenten.
| b | 10 | 100 | 10 000 | 1 000 000 |
|---|---|---|---|---|
| ln b | 2,30 | 4,61 | 9,21 | 13,82 |
Typische Fehler bei uneigentlichen Integralen
Der erste typische Fehler ist, das Unendlichzeichen direkt in die Stammfunktion einzusetzen. Wer −1 : ∞ rechnet, bekommt zwar oft das richtige Ergebnis, aber die Schreibweise ist nicht zulässig und kostet in Klausuren Punkte. Führe immer die Variable b ein und schreibe den Grenzwert hin. Beim Aufschreiben hilft das Zeichen lim mit dem Pfeil unter dem Wort.
Der zweite Fehler ist, aus dem Verhalten des Integranden auf das Integral zu schließen. Wenn f(x) gegen null geht, bedeutet das nicht, dass das Integral konvergiert. Das beste Gegenbeispiel ist 1 : x: Der Funktionswert geht gegen null, die Fläche aber nicht. Entscheidend ist, wie schnell die Funktion abfällt. Funktionen wie 1 : x² oder e⁻ˣ fallen schnell genug, 1 : x und 1 : √x nicht.
Der dritte Fehler betrifft Integrale mit Lücke in der Mitte. Wenn die Funktion zwischen den Grenzen eine Polstelle hat, etwa ∫ von −1 bis 1 über 1 : x², musst du das Integral an der Stelle aufteilen und beide Teile einzeln untersuchen. Rechnest du einfach durch, erhältst du ein falsches, scheinbar endliches Ergebnis. Ein Teil divergiert, damit divergiert das ganze Integral.
Uneigentliche Integrale in Klausur und Anwendung
In Klausuren der Oberstufe kommen uneigentliche Integrale vor allem in zwei Formen vor. Bei der ersten sollst du entscheiden, ob ein Integral konvergiert, und gegebenenfalls den Wert berechnen. Bei der zweiten geht es um Flächen unter Graphen, die sich ins Unendliche erstrecken, etwa unter e⁻ˣ. Schreibe immer den Ansatz mit b und dem Grenzwert hin. Ein richtig aufgeschriebener Ansatz bringt Punkte, auch wenn die Rechnung danach hakt.
Besonders gern wird e⁻ˣ gefragt, weil der Grenzwert von e⁻ᵇ für b gegen unendlich sicher null ist. Es gilt ∫ von 0 bis ∞ über e⁻ˣ dx = 1. Das spielt in der Stochastik eine Rolle, denn die Exponentialverteilung hat eine solche Dichte. Auch das Rotationsvolumen eines unendlich langen Körpers wird mit einem uneigentlichen Integral untersucht.
Ein berühmtes Beispiel ist das Gabriel-Horn: Der Körper, der entsteht, wenn der Graph von 1 : x ab x = 1 um die x-Achse rotiert, hat ein endliches Volumen von π, aber eine unendlich große Oberfläche. Man könnte ihn füllen, aber nie ganz anstreichen. Das zeigt, wie unterschiedlich Konvergenz und Divergenz sich anfühlen können.
Jetzt bist du dran!
Welches Integral ist ein uneigentliches Integral?
Noch nicht. Nur beim ersten Integral ist eine Grenze unendlich. Die anderen haben endliche Grenzen und stetige Funktionen auf dem Integrationsintervall, sie sind gewöhnliche Integrale.
Das Wichtigste in Kürze
- Uneigentliche Integrale haben eine unendliche Grenze oder eine Polstelle am Rand und werden über einen Grenzwert berechnet.
- Rechenweg: Grenze durch b ersetzen, normal integrieren, den Grenzwert für b gegen die Problemstelle bilden.
- Konvergent heißt: Der Grenzwert ist eine endliche Zahl. Divergent heißt: unendlich oder nicht vorhanden.
- Für 1 : xᵖ ab 1 konvergiert das Integral genau für p > 1 mit dem Wert 1 : (p − 1).
- Typischer Fehler: Unendlich direkt einsetzen oder von f(x) → 0 auf Konvergenz schließen.
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Häufige Fragen zu Uneigentliche Integrale: Berechnung, Beispiele, Übungen
- Was sind uneigentliche Integrale?
- Uneigentliche Integrale sind Integrale mit einer unendlichen Grenze oder einer Funktion, die an einer Grenze nicht definiert ist. Man berechnet sie über einen Grenzwert: Die Problemstelle wird durch eine Variable b ersetzt, das Integral bis b berechnet und danach b gegen die Problemstelle geschickt.
- Wie berechne ich ein uneigentliches Integral?
- Du ersetzt die unendliche Grenze durch b, bestimmst die Stammfunktion und setzt die Grenzen ein. Dann bildest du den Grenzwert für b gegen unendlich. Ist das Ergebnis eine Zahl, ist das Integral konvergent, sonst divergent. Schreibe den Grenzwert immer mit lim hin.
- Wann ist ein uneigentliches Integral konvergent?
- Es ist konvergent, wenn der Grenzwert eine endliche Zahl ist. Beispiele sind ∫ von 1 bis ∞ über 1 : x² dx = 1 oder ∫ von 0 bis ∞ über e⁻ˣ dx = 1. Bei 1 : xᵖ ab 1 konvergiert es genau für p > 1.
- Warum ist das Integral von 1 durch x divergent?
- Eine Stammfunktion von 1 : x ist ln x. Der Wert ln b wächst für b gegen unendlich über jede Grenze, wenn auch langsam. Die Fläche unter dem Graphen von 1 : x ab x = 1 ist deshalb unendlich groß, obwohl der Funktionswert gegen null geht.
- Kann eine unendlich lange Fläche einen endlichen Inhalt haben?
- Ja, das ist genau der Fall bei konvergenten uneigentlichen Integralen. Die Fläche unter 1 : x² rechts von x = 1 ist unendlich lang, hat aber den Inhalt 1. Voraussetzung ist, dass der Graph schnell genug gegen die x-Achse geht.
- Was ist ein uneigentliches Integral mit Polstelle?
- Wenn die Funktion an einer Integrationsgrenze nicht definiert ist, etwa 1 : √x bei x = 0, ersetzt du diese Grenze durch eine Zahl c, integrierst und lässt c von innen gegen die Stelle laufen. Für 1 : √x von 0 bis 1 ergibt sich so der Wert 2.
- Wie schreibt man einen Grenzwert beim uneigentlichen Integral?
- Du schreibst lim mit b gegen ∞ vor das gewöhnliche Integral von a bis b. Danach berechnest du das Integral und bildest den Grenzwert des Ergebnisses. Mit Worten gesagt: Wert des Integrals bis b, dann b gegen unendlich laufen lassen.
- In welcher Klasse lernt man uneigentliche Integrale?
- Sie stehen in der Qualifikationsphase der Oberstufe, meist in Klasse 12, nach der Integralrechnung und den Grenzwerten. In manchen Bundesländern gehören sie nur zum erhöhten Anforderungsniveau. Wichtig sind Stammfunktionen und das sichere Bilden von Grenzwerten.
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