Flucht und Vertreibung 1945
Flucht und Vertreibung 1945 bezeichnet die Massenflucht und die Zwangsumsiedlung von Millionen Deutschen aus den deutschen Ostgebieten und aus Ost- und Südosteuropa am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg. In dieser Lektion lernst du, wie es dazu kam, wie die Betroffenen ihr Schicksal erlebten und wie sie in West- und Ostdeutschland aufgenommen wurden.
- Fach: Geschichte
- Klasse 10
- Thema: Moderne
- Dauer: 20 Min
- Niveau: Mittel
Flucht und Vertreibung 1945: Was geschah?
Mit Flucht und Vertreibung 1945 meint man eines der größten Bevölkerungsereignisse des 20. Jahrhunderts in Europa. Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche verloren ihre Heimat: Sie flohen vor der heranrückenden Roten Armee oder wurden nach Kriegsende aus den Gebieten im Osten ausgewiesen. Betroffen waren Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Ostbrandenburg sowie das Sudetenland und deutsche Siedlungsgebiete in Südosteuropa.
Die Flucht begann im Oktober 1944, als sowjetische Truppen erstmals auf Reichsgebiet in Ostpreußen vorstießen. Im Winter 1944/45 machten sich Hunderttausende in Trecks bei strenger Kälte auf den Weg nach Westen, oft über das zugefrorene Frische Haff. Viele Menschen wurden unterwegs durch Kälte, Hunger, Tiefflieger und Kämpfe getötet. Über die Ostsee wurden Menschen mit Schiffen evakuiert, etwa mit der Wilhelm Gustloff, die am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. Schätzungen sprechen von rund 9000 Toten.
Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 folgten die Vertreibungen. Zunächst geschahen sie oft ungeordnet und mit Gewalt, später wurden sie von Behörden organisiert. Zahlreiche Menschen starben in Lagern, bei Gewaltmärschen oder durch Krankheit. Wie viele es genau waren, lässt sich nicht sicher sagen. Nach heutigem Forschungsstand starben mehrere Hunderttausend Menschen.
Der historische Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg
Flucht und Vertreibung lassen sich nur im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg verstehen, den das nationalsozialistische Deutschland 1939 mit dem Überfall auf Polen begonnen hatte. Deutschland besetzte große Teile Europas, führte im Osten einen Vernichtungskrieg und ermordete Millionen Menschen, darunter sechs Millionen Juden. Die Besatzungspolitik in Polen und der Sowjetunion war von Terror, Verschleppung und Mord geprägt. Die Tschechoslowakei war schon 1938 und 1939 zerschlagen worden.
Die Siegermächte wollten nach dem Krieg verhindern, dass noch einmal von Deutschland ein Krieg ausging. Sie beschlossen Grenzverschiebungen: Polen wurde nach Westen verschoben, die Sowjetunion behielt ihre 1939 besetzten polnischen Gebiete und gliederte Nordostpreußen mit Königsberg ein. Die neue deutsche Ostgrenze lief entlang von Oder und Neiße. Beim Potsdamer Abkommen im Sommer 1945 stimmten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion zu, dass die deutsche Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“ überführt werden sollte.
Dieser Zusammenhang erklärt, warum es zu Flucht und Vertreibung kam. Er rechtfertigt weder die Gewalt noch das Leid der einzelnen Menschen. Viele Betroffene waren Frauen, Kinder und alte Menschen, die persönlich keine Schuld an den Verbrechen trugen. Historiker betonen deshalb, dass man beides gleichzeitig sehen muss: die deutsche Verantwortung für den Krieg und das Leid der Vertriebenen.
| Herkunftsgebiet | Lage vor 1945 | Nach 1945 |
|---|---|---|
| Ostpreußen | Provinz des Deutschen Reiches | Aufgeteilt zwischen Polen und der Sowjetunion |
| Schlesien, Pommern, Ostbrandenburg | Provinzen des Deutschen Reiches | Unter polnischer Verwaltung, Grenze an Oder und Neiße |
| Sudetenland | Bis 1938 Teil der Tschechoslowakei, dann Deutsches Reich | Wieder Teil der Tschechoslowakei |
| Südosteuropa | Siedlungsgebiete deutscher Minderheiten | Ungarn, Jugoslawien und Rumänien |
Der Weg der Betroffenen
Die Wege der Flüchtlinge und Vertriebenen waren sehr unterschiedlich. Manche flohen im Winter 1944/45 mit Pferdewagen, andere zu Fuß oder mit Zügen und Schiffen. Familien wurden getrennt, viele Männer waren im Krieg oder in Gefangenschaft. Wer unterwegs von der Roten Armee eingeholt wurde, erlebte oft Gewalt, Plünderungen und Vergewaltigungen. Ziel waren meist die westlichen Teile Deutschlands, die noch nicht erobert waren.
Nach Kriegsende wurden viele Deutsche aus Polen und der Tschechoslowakei mit wenig Gepäck ausgewiesen, ihr Besitz wurde meist entschädigungslos eingezogen. In einigen Orten kam es zu Gewalt und Todesmärschen, anderswo waren es Transporte in Güterwagen. Ab 1946 organisierten die Alliierten Umsiedlungen, die geordneter verliefen. In Lagern warteten die Menschen oft lange auf Weitertransport oder Zuweisung zu einer Unterkunft.
Ziel waren die vier Besatzungszonen. Etwa zwei Drittel der Menschen kamen in die westlichen Zonen, ein Drittel in die sowjetische. Da die Städte stark zerstört waren, kamen viele zunächst in ländlichen Gebieten unter, zum Beispiel in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Dort lebten die Flüchtlinge oft in Notunterkünften, Baracken oder bei Familien, die selbst wenig Platz hatten.
Flucht und Vertreibung im Vergleich
In Büchern und Gesprächen werden Flucht, Vertreibung und Umsiedlung oft vermischt. Für die Klassenarbeit solltest du die Begriffe auseinanderhalten, denn sie beschreiben unterschiedliche Situationen. Im Alltag gingen die Phasen ineinander über.
Flucht
Menschen verlassen ihre Heimat aus Angst vor der nahenden Front und handeln meist selbst
Beispiele
- Trecks aus Ostpreußen im Winter 1944/45
- Schiffstransporte über die Ostsee im Frühjahr 1945
Signalwörter
- Die Front rückt näher
- Zeitdruck und große Angst
- Meist vor Kriegsende
Vertreibung und Umsiedlung
Menschen werden nach Kriegsende auf behördliche Anordnung aus ihrer Heimat entfernt
Beispiele
- Ausweisung aus dem Sudetenland 1945 und 1946
- Umsiedlungstransporte per Bahn ab 1946
Signalwörter
- Enteignung und Verlust des Besitzes
- Verbot der Rückkehr
- Entscheidung durch Behörden
Ursachen und Folgen: Vom Vernichtungskrieg zur Neuordnung Europas
Erkläre, wie Flucht und Vertreibung 1945 mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängen.
Gegeben:
- Das Deutsche Reich beginnt 1939 den Zweiten Weltkrieg und führt im Osten einen Vernichtungskrieg
- Ab Herbst 1944 rückt die Rote Armee auf Reichsgebiet vor, die Bevölkerung flieht
- Die Siegermächte beschließen 1945 neue Grenzen und die Überführung der deutschen Bevölkerung
Gesucht:
Wie führte der Krieg zu Flucht und Vertreibung, und welche Folgen hatte beides?Lösung:
- Ursache: Der von Deutschland begonnene Krieg und die brutale Besatzungspolitik im Osten führten zu großem Hass und zu Rache- und Sicherheitsforderungen gegenüber Deutschen.
- Auslöser der Flucht: Als die Front 1944 und 1945 näher rückte, flohen viele Menschen aus Angst vor Gewalt und Rache, oft ohne Erlaubnis der Behörden.
- Neuordnung: Die Siegermächte verschoben die Grenzen und stimmten der Überführung der deutschen Bevölkerung zu, sodass nach Kriegsende Vertreibungen folgten.
- Folgen: Millionen Menschen verloren Heimat und Besitz und mussten im Westen und in der sowjetischen Zone ein neues Leben aufbauen.
Flucht und Vertreibung waren keine Ereignisse für sich, sondern Folge des von Deutschland begonnenen Krieges und der Neuordnung Europas nach 1945. Sie veränderten die Bevölkerung in Deutschland und in Ostmitteleuropa dauerhaft. Die Oder-Neiße-Linie wurde von der Bundesrepublik erst im Rahmen der deutschen Einheit 1990 vertraglich als Grenze anerkannt.
Ankunft und Eingliederung der Vertriebenen
Die Aufnahme war schwierig. In den zerstörten Städten und in den Dörfern herrschte große Wohnungsnot, und viele Einheimische sahen die Neuankömmlinge als Konkurrenten um Wohnraum und Arbeit. Oft wurde den Vertriebenen mit Ablehnung begegnet, obwohl sie ebenfalls Deutsche waren. Um 1950 lebten in der Bundesrepublik rund 8 Millionen Vertriebene, in der DDR rund 4 Millionen. In Westdeutschland war damit etwa jeder Sechste ein Vertriebener.
Die Bundesrepublik tat einiges für die Eingliederung. 1952 beschloss sie den Lastenausgleich, bei dem Menschen mit größeren Verlusten finanziell entschädigt wurden. 1953 folgte das Bundesvertriebenengesetz. Die Vertriebenen verbanden sich in Verbänden und verfassten 1950 die Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Darin verzichteten sie auf Rache und Vergeltung und versprachen, am Wiederaufbau Europas mitzuwirken.
In der DDR sprach man von Umsiedlern. Das Thema wurde politisch tabuisiert, weil die Führung die Grenze zu Polen als Friedensgrenze darstellte. Trotz der Schwierigkeiten leisteten die Vertriebenen einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau, etwa als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und der Industrie. Kulturell prägten sie Orte, Dialekte und Küchen.
Typische Fehler und Klausurtipps
Ein häufiger Fehler ist es, Flucht und Vertreibung ohne den Zweiten Weltkrieg zu erklären. Ohne den deutschen Angriffskrieg und die Verbrechen in den besetzten Gebieten sind die Ereignisse nicht verständlich. Wer in der Klausur nur das Leid schildert, ohne den Zusammenhang zu benennen, erreicht selten die volle Punktzahl.
Ebenso problematisch ist es, das Leid der Vertriebenen gegen das Leid der Opfer der NS-Verbrechen aufzurechnen. Seriöse Geschichtsschreibung beschreibt beides getrennt und zeigt die Ursachenkette. Auch die Begriffe sind wichtig: Flüchtlinge flohen selbst, Vertriebene wurden ausgewiesen, Aussiedler und Spätaussiedler kamen erst später, vor allem seit den 1950er-Jahren.
Für die Klausur hilft ein Dreischritt: Ursachen (Krieg, Besatzungspolitik, Beschlüsse der Siegermächte), Ablauf (Flucht ab Herbst 1944, Vertreibung ab 1945, Umsiedlung 1946 bis 1948) und Folgen (Verlust der Heimat, Eingliederung, Lastenausgleich, Umbruch der Bevölkerung). Mit den Daten der Zeitleiste und der Karte lassen sich Aufgaben zuverlässig beantworten.
Jetzt bist du dran
Wie viele Deutsche waren ungefähr von Flucht und Vertreibung betroffen?
Noch nicht. Nach heutigen Schätzungen verloren etwa 12 bis 14 Millionen Menschen ihre Heimat. Es war damit eine der größten Zwangsmigrationen in der europäischen Geschichte.
Das Wichtigste in Kürze
- Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche verloren zwischen 1944 und 1948 ihre Heimat im Osten.
- Die Flucht begann im Herbst 1944 vor der Roten Armee, die Vertreibungen folgten nach Kriegsende 1945.
- Ursache war der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg, die Siegermächte legten die Grenzverschiebung fest.
- In West und Ost wurden die Vertriebenen unter schwierigen Bedingungen aufgenommen, 1952 folgte der Lastenausgleich.
- Wer das Thema bearbeitet, muss Leid der Betroffenen ernst nehmen und den historischen Zusammenhang benennen.
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Häufige Fragen zu Flucht und Vertreibung 1945
- Was versteht man unter Flucht und Vertreibung?
- Flucht und Vertreibung beschreibt den Verlust der Heimat von etwa 12 bis 14 Millionen Deutschen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg. Menschen flohen vor der Front oder wurden aus Gebieten wie Schlesien, Ostpreußen oder dem Sudetenland ausgewiesen und mussten sich in Deutschland neu ansiedeln.
- Warum wurden die Deutschen vertrieben?
- Hintergrund war der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg mit seiner Besatzungspolitik und den Verbrechen in Osteuropa. Die Siegermächte wollten Grenzen neu ziehen und weitere Konflikte durch Minderheiten verhindern. Das erklärt die Ereignisse, rechtfertigt aber nicht die Gewalt gegen die Betroffenen.
- Wie viele Menschen starben bei Flucht und Vertreibung?
- Eine genaue Zahl gibt es nicht. Die Schätzungen gehen weit auseinander und reichen von mehreren Hunderttausend bis über zwei Millionen. Nach dem heutigen Stand der Forschung starben mehrere Hunderttausend Menschen durch Kälte, Hunger, Krankheiten, Gewalt und in Lagern.
- Was war die Wilhelm Gustloff?
- Die Wilhelm Gustloff war ein Passagierschiff, das im Januar 1945 Flüchtlinge und Soldaten aus Gotenhafen über die Ostsee bringen sollte. Am 30. Januar 1945 wurde sie von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Schätzungen sprechen von rund 9000 Toten, es war eines der größten Schiffsunglücke der Geschichte.
- Was regelte das Potsdamer Abkommen?
- Im Sommer 1945 einigten sich die USA, Großbritannien und die Sowjetunion in Potsdam über die Behandlung Deutschlands. Dazu gehörten Besatzungszonen, die Westverschiebung Polens und die Überführung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn in ordnungsgemäßer und humaner Weise.
- Was ist die Oder-Neiße-Linie?
- Die Oder-Neiße-Linie ist die Grenze zwischen Deutschland und Polen entlang der Flüsse Oder und Lausitzer Neiße. Sie entstand 1945 und wurde von der DDR 1950 und von der Bundesrepublik erst im deutsch-polnischen Grenzvertrag von 1990 als endgültige Grenze anerkannt.
- Was ist der Unterschied zwischen Flucht und Vertreibung?
- Bei der Flucht verließen Menschen ihre Heimat aus Angst vor der nahenden Front, meist vor oder gegen Kriegsende. Bei der Vertreibung wurden sie nach Kriegsende von Behörden ausgewiesen. In der Praxis gingen beide Vorgänge ineinander über, und Begriffe wie Umsiedlung beschreiben organisierte Transporte.
- Wie wurden die Vertriebenen in Deutschland aufgenommen?
- Die Aufnahme war oft schwierig, weil Wohnungen und Arbeit knapp waren und viele Einheimische die Neuankömmlinge ablehnten. Mit der Zeit gelang die Eingliederung durch Wiederaufbau und Hilfen wie den Lastenausgleich von 1952. In der DDR sprach man von Umsiedlern, das Thema war weitgehend tabu.
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