Klassenspace

Radikalische Substitution: Mechanismus Schritt für Schritt

Die radikalische Substitution ist die typische Reaktion der Alkane: Unter UV-Licht oder Wärme ersetzt ein Halogenatom ein Wasserstoffatom, und die Reaktion läuft als Kettenreaktion über Radikale ab. In dieser Lektion lernst du die drei Phasen Start, Kettenfortpflanzung und Kettenabbruch, schreibst die Reaktionsgleichungen auf und erkennst, warum dabei Produktgemische entstehen.

  • Fach: Chemie
  • Klasse 11
  • Thema: Organische Chemie
  • Dauer: 20 Min
  • Niveau: Schwer
1

Radikalische Substitution: Was passiert?

Bei der radikalischen Substitution tauscht ein Alkan ein Wasserstoffatom gegen ein Halogenatom aus, wenn man es mit Chlor oder Brom mischt und mit Licht bestrahlt. Aus Methan wird so Chlormethan, als zweites Produkt entsteht Chlorwasserstoff. Das Wort Substitution bedeutet Austausch, das Wort radikalisch verrät den Weg: Die Reaktion läuft über Radikale.

Ein Radikal ist ein Teilchen mit einem ungepaarten Elektron. Man schreibt es mit einem Punkt, zum Beispiel Cl· oder ·CH₃. Weil das einzelne Elektron unbedingt einen Partner sucht, ist ein Radikal extrem reaktionsfreudig und lebt nur sehr kurz. Alkane sind sonst sehr reaktionsträge, denn ihre C–H- und C–C-Bindungen sind unpolar und fest. Erst Radikale, die durch Energiezufuhr entstehen, schaffen den Einstieg.

Wichtig ist, dass hier keine Ionen im Spiel sind. Die Bindungen werden nicht ungleich, sondern gleichmäßig gespalten, sodass jedes Atom ein Elektron mitnimmt. Man nennt das homolytische Spaltung. Sie wird durch UV-Licht oder hohe Temperatur ausgelöst, die Energie reicht dann aus, um etwa ein Chlormolekül in zwei Atome zu trennen.

2

Der Mechanismus: Start, Kettenfortpflanzung, Abbruch

Der Mechanismus der radikalischen Substitution besteht aus drei Phasen. Im Start spaltet UV-Licht das Halogenmolekül in zwei Radikale: Cl₂ → 2 Cl·. Diese Phase läuft nur selten ab, liefert aber die ersten Radikale.

In der Kettenfortpflanzung geschehen zwei Schritte im Wechsel. Zuerst entreißt ein Chlor-Radikal dem Methan ein Wasserstoffatom: Cl· + CH₄ → HCl + ·CH₃. Dann greift das entstandene Methyl-Radikal ein Chlormolekül an: ·CH₃ + Cl₂ → CH₃Cl + Cl·. Dabei wird wieder ein Chlor-Radikal frei, das den ersten Schritt von Neuem beginnt. So entsteht eine Kette, die sich viele tausend Mal wiederholt, ohne dass neue Radikale aus dem Start nötig wären.

Im Kettenabbruch treffen zwei Radikale aufeinander und bilden ein stabiles Molekül, zum Beispiel Cl· + Cl· → Cl₂, ·CH₃ + Cl· → CH₃Cl oder ·CH₃ + ·CH₃ → C₂H₆. Weil nun keine Radikale mehr übrig sind, endet die Kette. Da Radikale selten aufeinandertreffen, läuft die Fortpflanzung sehr lange, bevor der Abbruch eintritt.

PhaseBeispielgleichungWas geschieht
StartCl₂ → 2 Cl·Licht spaltet das Halogenmolekül in Radikale
KettenfortpflanzungCl· + CH₄ → HCl + ·CH₃Ein Radikal wird verbraucht, ein neues entsteht
Kettenfortpflanzung·CH₃ + Cl₂ → CH₃Cl + Cl·Das Produkt entsteht, das Chlor-Radikal wird zurückgebildet
Kettenabbruch·CH₃ + Cl· → CH₃ClZwei Radikale vereinen sich, die Kette endet
Die drei Phasen der radikalischen Substitution von Methan mit Chlor
Die radikalische Substitution läuft als Kettenreaktion in drei Phasen ab.
3

Radikalische Substitution Schritt für Schritt aufschreiben

Wenn du den Mechanismus in einer Klausur aufschreiben sollst, gehst du immer nach demselben Muster vor. Zuerst gibst du die Bedingungen an: UV-Licht oder Wärme und ein Alkan mit einem Halogen. Dann notierst du den Start mit der homolytischen Spaltung des Halogenmoleküls und markierst die Radikale mit einem Punkt.

Danach schreibst du die beiden Schritte der Kettenfortpflanzung auf. Im ersten greift das Halogenatom ein H-Atom des Alkans an, im zweiten reagiert das Alkyl-Radikal mit einem Halogenmolekül. Zum Schluss nennst du mindestens eine Abbruchreaktion. Als Gesamtgleichung fasst du CH₄ + Cl₂ → CH₃Cl + HCl zusammen.

Liegt das Halogen im Überschuss vor, wird die Reaktion weitergeführt. Dann ersetzt Chlor nacheinander weitere Wasserstoffatome und es entstehen Dichlormethan, Trichlormethan und zuletzt Tetrachlormethan. Deshalb liefert die radikalische Substitution praktisch immer ein Produktgemisch, das man anschließend durch Destillation trennen muss.

Bei der radikalischen Substitution werden nacheinander alle Wasserstoffatome ersetzt.
4

Beispiel 1: Ethan und Brom

Ethan (C₂H₆) reagiert unter UV-Licht mit Brom. Schreibe den Mechanismus der ersten Substitution mit Start, Kettenfortpflanzung und einer Abbruchreaktion auf.

Gegeben:

  • Edukte: C₂H₆ und Br₂
  • Auslöser: UV-Licht

Gesucht:

Mechanismus und Gesamtgleichung

Lösung:

  1. Start: Br₂ → 2 Br·. Das Brommolekül wird homolytisch gespalten.
  2. Kettenfortpflanzung 1: Br· + C₂H₆ → HBr + ·C₂H₅. Das Brom-Radikal entreißt dem Ethan ein Wasserstoffatom.
  3. Kettenfortpflanzung 2: ·C₂H₅ + Br₂ → C₂H₅Br + Br·. Es entsteht Bromethan, das Brom-Radikal ist zurück.
  4. Abbruch, zum Beispiel: ·C₂H₅ + Br· → C₂H₅Br. Als Gesamtgleichung folgt C₂H₆ + Br₂ → C₂H₅Br + HBr.

Die Gesamtgleichung lautet C₂H₆ + Br₂ → C₂H₅Br + HBr. Die Gleichung ist ausgeglichen, denn links wie rechts stehen 2 C, 6 H und 2 Br. Im Reagenzglas verschwindet dabei die rotbraune Farbe des Broms, und Bromwasserstoff lässt feuchtes Indikatorpapier sauer reagieren.

5

Beispiel 2: Propan und Chlor

Propan (CH₃–CH₂–CH₃) wird unter UV-Licht mit Chlor umgesetzt. Gib alle möglichen einfach chlorierten Produkte an und erkläre, warum ein Gemisch entsteht.

Gegeben:

  • Edukte: C₃H₈ und Cl₂
  • Es wird genau ein H-Atom ersetzt

Gesucht:

Mögliche Produkte der ersten Substitution

Lösung:

  1. Propan hat zwei Sorten von Wasserstoffatomen: sechs an den endständigen CH₃-Gruppen und zwei an der mittleren CH₂-Gruppe.
  2. Wird ein endständiges H ersetzt, entsteht 1-Chlorpropan (CH₃–CH₂–CH₂Cl).
  3. Wird ein H der mittleren Gruppe ersetzt, entsteht 2-Chlorpropan (CH₃–CHCl–CH₃).
  4. Das Chlor-Radikal ist so reaktiv, dass es kaum unterscheidet. Beide Produkte entstehen nebeneinander, dazu kommen Mehrfachsubstitutionen.

Aus Propan entstehen 1-Chlorpropan und 2-Chlorpropan als Isomere, jeweils zusammen mit HCl. Weil das Radikal wenig wählerisch ist, ergibt sich ein Gemisch. Deshalb eignet sich die radikalische Substitution schlecht, wenn man ein einzelnes reines Produkt braucht.

6

Typische Fehler beim Mechanismus

Der häufigste Fehler ist, den Punkt am Radikal zu vergessen. Ohne den Punkt wird aus Cl· ein Chloratom ohne Besonderheit, und der Mechanismus ist nicht mehr erkennbar. Zeichne den Punkt bei jedem Radikal, auch im Zwischenschritt.

Ein zweiter Fehler ist, das Licht als Edukt zu behandeln. UV-Licht liefert nur die Energie für die Spaltung des Halogenmoleküls und steht deshalb über dem Reaktionspfeil, nicht links davon. Dritter Fehler: Substitution wird mit Addition verwechselt. Bei der Addition wird eine Doppelbindung geöffnet und beide Atome werden an das Molekül angelagert. Bei der Substitution bleibt die Zahl der Atome am Kohlenstoff gleich, ein H wird durch Cl ersetzt, und HCl entsteht zusätzlich.

Außerdem denken viele, die Reaktion liefere genau ein Produkt. Tatsächlich entstehen mehrere Substitutionsprodukte, weil nach der ersten Substitution die zweite folgt. Wer ein bestimmtes Produkt anstrebt, muss das Mengenverhältnis steuern, zum Beispiel mit großem Überschuss an Alkan.

7

Alltagsbezug und Laborsicherheit

Die radikalische Substitution begegnet dir im Alltag öfter, als du denkst. Die Halogenalkane, die sie liefert, dienten lange als Lösemittel, Kältemittel und Treibgase. Trichlormethan, früher Chloroform genannt, wurde als Narkosemittel genutzt. Die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW, schädigten die Ozonschicht, weil sie in der Hochatmosphäre durch UV-Licht ebenfalls Chlor-Radikale freisetzen, die Ozon zerstören. Auch hier läuft also eine Radikalkettenreaktion ab.

Im Labor ist die Reaktion mit Brom gut beobachtbar. Brom und Chlor sind giftig und ätzend, die Versuche gehören deshalb in den Abzug. Schutzbrille und Handschuhe sind Pflicht. Die Halogenalkane gelten als gesundheitsschädlich, viele sind krebserzeugend und dürfen nicht in den Ausguss. Sammle alle Reste im Behälter für halogenhaltige organische Abfälle.

8

Jetzt bist du dran

Aufgabe 1 von 5

Was ist ein Radikal?

Was ist ein Radikal?
9

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei der radikalischen Substitution ersetzt ein Halogenatom ein Wasserstoffatom eines Alkans.
  • Die Reaktion verläuft über Radikale, also Teilchen mit einem ungepaarten Elektron, und braucht UV-Licht oder Wärme.
  • Der Mechanismus besteht aus Start, Kettenfortpflanzung und Kettenabbruch.
  • In der Kettenfortpflanzung wird das Radikal immer neu gebildet, im Abbruch vereinen sich zwei Radikale.
  • Es entstehen mehrere Produkte, weil nach der ersten Substitution weitere folgen können.

Lektion abschließen

Schließe alle Aufgaben ab, um diese Lektion zu beenden.

0 %

Häufige Fragen zu Radikalische Substitution: Mechanismus Schritt für Schritt

Was ist die radikalische Substitution einfach erklärt?
Die radikalische Substitution ist eine Reaktion, bei der ein Wasserstoffatom eines Alkans gegen ein Halogenatom ausgetauscht wird. Sie läuft über Radikale als Kettenreaktion ab und wird durch UV-Licht oder Wärme ausgelöst.
Was ist ein Radikal in der Chemie?
Ein Radikal ist ein Atom oder Molekül mit einem ungepaarten Elektron. Weil dieses Elektron einen Partner sucht, reagieren Radikale sehr schnell mit anderen Stoffen. Man schreibt sie mit einem Punkt, zum Beispiel Cl· oder ·CH₃.
Welche drei Phasen hat die radikalische Substitution?
Die Reaktion besteht aus dem Start, bei dem das Halogenmolekül in Radikale gespalten wird, der Kettenfortpflanzung, in der Radikale immer wieder neu gebildet werden, und dem Kettenabbruch, bei dem zwei Radikale ein stabiles Molekül bilden.
Warum braucht die radikalische Substitution UV-Licht?
Das UV-Licht liefert die Energie, um die Bindung im Halogenmolekül gleichmäßig zu spalten. Erst dadurch entstehen die ersten Radikale. Ohne diese Energie reagieren Alkane und Halogene bei Raumtemperatur im Dunkeln praktisch nicht miteinander.
Was ist der Unterschied zwischen Substitution und Addition?
Bei der Substitution wird ein Atom durch ein anderes ersetzt, dabei entsteht zusätzlich ein zweites Produkt wie HCl. Bei der Addition wird eine Doppelbindung geöffnet und ein Molekül wird angelagert, ohne dass ein weiteres Produkt entsteht.
Warum entstehen bei der radikalischen Substitution mehrere Produkte?
Nach der ersten Substitution trägt das Produkt noch Wasserstoffatome, die ebenfalls ersetzt werden können. Außerdem greifen die Radikale verschiedene Wasserstoffatome an. So ergibt sich ein Gemisch aus ein-, zwei- und mehrfach substituierten Produkten.
Warum reagieren Alkane nur mit Radikalen?
Alkane haben unpolare, feste Bindungen. Es gibt keine Stelle mit Teilladung, an der Ionen angreifen könnten. Nur sehr energiereiche, ungeladene Teilchen wie Radikale können die C–H-Bindung aufbrechen.
Was ist der Unterschied zwischen Chlorierung und Bromierung?
Chlor-Radikale sind sehr reaktiv und greifen fast jedes Wasserstoffatom an, Brom-Radikale sind wählerischer und bevorzugen Wasserstoffatome an stärker verzweigten Kohlenstoffatomen. Die Bromierung liefert deshalb gezielter ein Hauptprodukt.

Wiederhol diese Fragen später mit deinem Lernkarten-Trainer.

Das solltest du vorher können

Das kommt als Nächstes