Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert
Die Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert ist eine der größten Wanderungsbewegungen der europäischen Geschichte: Allein aus Deutschland verließen in diesem Zeitraum rund 5 Millionen Menschen ihre Heimat, die meisten mit dem Ziel USA. Sie flohen vor Hunger, Armut und politischem Druck oder hofften auf eigenes Land und Arbeit. In dieser Lektion lernst du die Ursachen, den Weg über den Atlantik, das Leben in der neuen Heimat und die Folgen für beide Seiten kennen.
- Fach: Geschichte
- Klasse 9
- Thema: Moderne
- Dauer: 18 Min
- Niveau: Mittel
Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert: Überblick
Im 19. Jahrhundert verließen Millionen Europäer ihre Heimat und wanderten nach Nordamerika aus. Nach der Statistik der Vereinigten Staaten kamen zwischen 1820 und 1900 rund 19 Millionen Menschen ins Land, darunter etwa 5 Millionen Deutsche. Damit stellten die Deutschen neben den Iren die größte Gruppe. Die Auswanderung lief nicht gleichmäßig ab, sondern in Wellen: Die erste erreichte Mitte der 1850er Jahre ihren Höhepunkt, die zweite in den frühen 1880er Jahren.
Dahinter steckte keine einzelne Ursache. Viele Menschen verbanden Not in der Heimat mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Ferne. Wer auswanderte, ließ Familie, Freunde und Sprache zurück und wusste oft nicht, ob er je wiederkommen würde. Trotzdem überzeugten die Berichte, die Verwandte aus Amerika nach Hause schickten, immer mehr Menschen, es ebenfalls zu wagen.
Wichtig für den Geschichtsunterricht ist, dass man zwischen Auswanderern und Einwanderern unterscheidet. Wer sein Land verlässt, ist Auswanderer, wer in ein neues Land kommt, ist dort Einwanderer. Dieselben Menschen waren also beides, je nachdem, von welcher Seite man auf sie blickt. Das Fachwort für eine solche Wanderung über Landesgrenzen ist Migration.
Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert: Ursachen
Historiker unterscheiden zwischen Gründen, die Menschen aus der Heimat vertrieben, den Push-Faktoren, und Gründen, die sie anzogen, den Pull-Faktoren. Zu den Push-Faktoren gehörte das schnelle Bevölkerungswachstum: In Deutschland lebten immer mehr Menschen auf demselben Land, das durch Erbteilung in immer kleinere Höfe zerfiel. Dazu kamen Missernten und Hungersnöte, vor allem 1846 und 1847, als die Kartoffelfäule und schlechte Getreideernten die Preise in die Höhe trieben.
Auch die Industrialisierung trieb viele fort. Handwerker und Heimarbeiter, etwa Weber, konnten mit den Fabrikwaren nicht mehr mithalten und verloren ihr Einkommen. Hinzu kam politischer Druck. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 und 1849 verließen Tausende Demokraten das Land, weil sie Verfolgung fürchteten. Sie werden Achtundvierziger genannt. Auch religiöse Minderheiten suchten Freiheit. Aus Irland flohen in den Jahren nach 1845 mehr als eine Million Menschen vor einer Hungersnot, die ebenfalls durch Kartoffelfäule ausgelöst wurde.
Zu den Pull-Faktoren zählte vor allem Land. Die USA warben um Siedler, und im Jahr 1862 gewährte der Homestead Act jedem Bürger oder Einwanderer, der sich einbürgern lassen wollte, bis zu 160 Acres Land, wenn er es fünf Jahre bewirtschaftete. Das waren etwa 65 Hektar. Dazu kamen Arbeit in den schnell wachsenden Städten und Fabriken, Religionsfreiheit und die Aussicht, nicht in ein Heer gezogen zu werden. Der Goldrausch in Kalifornien lockte ab 1848 zusätzlich Abenteurer.
| Push-Faktoren (aus der Heimat) | Pull-Faktoren (nach Amerika) |
|---|---|
| Bevölkerungswachstum und kleine Höfe | billiges Land, Homestead Act |
| Missernten und Hunger 1846 und 1847 | Arbeit in Fabriken und Städten |
| Konkurrenz der Fabriken für Handwerker | Religions- und Meinungsfreiheit |
| Politische Verfolgung nach 1848 | Briefe und Werbung von Verwandten und Agenten |
Die Überfahrt und die Ankunft
Wer auswandern wollte, musste zuerst einen Hafen erreichen. Für Deutsche waren das vor allem Bremerhaven und Hamburg, viele reisten auch über das französische Le Havre. Agenten verkauften Überfahrten, versprachen viel und nahmen nicht selten Geld für überteuerte oder unsichere Verträge. In den Hafenstädten entstanden Auswandererhäuser, in denen die Reisenden auf ihr Schiff warteten. Bremerhaven gilt bis heute als der wichtigste deutsche Auswandererhafen.
Die ersten Jahrzehnte reiste man mit Segelschiffen. Die Überfahrt dauerte im Durchschnitt sechs bis acht Wochen, bei Flaute auch länger. Die meisten Passagiere reisten im Zwischendeck: dunkel, eng, mit schlechter Luft. Verdorbenes Wasser und Seuchen wie Cholera und Typhus forderten Opfer. Ab den 1860er Jahren setzten sich Dampfschiffe durch, die die Reise später auf rund zwei Wochen verkürzten und sicherer machten.
In New York kamen die Einwanderer zuerst im Castle Garden an, einer Einwanderungsstation, die von 1855 bis 1890 diente. Seit dem 1. Januar 1892 übernahm die Insel Ellis Island diese Aufgabe. Ärzte prüften, ob jemand krank war, und Beamte fragten nach Namen, Herkunft und Geld. Wer als gesund und arbeitsfähig galt, durfte meist nach wenigen Stunden einreisen. Nur ein kleiner Teil wurde abgewiesen. Die Freiheitsstatue, die 1886 enthüllt wurde, begrüßte die Ankommenden.
Das Leben in der neuen Heimat
Wo die Einwanderer sich niederließen, hing von Geld, Beruf und Kontakten ab. Viele Deutsche zogen in den Mittleren Westen, in Staaten wie Ohio, Wisconsin, Missouri, Illinois und Texas. Hier gab es fruchtbaren Boden und Städte wie Milwaukee, St. Louis, Cincinnati und Chicago, in denen so viele Deutsche lebten, dass es deutsche Zeitungen, Vereine, Schulen und Brauereien gab. Wer Land bekam, rodete Wälder und baute Höfe. Andere blieben in den Hafenstädten und arbeiteten als Handwerker, Händler oder in Fabriken.
Das Leben war hart. Die Siedler mussten sich ohne Nachbarn durchschlagen, die Winter waren streng, und Krankheiten forderten Opfer. Dazu kam die Sprache, die man erst lernen musste. Deshalb hielten viele Einwanderer zusammen, pflegten ihre Bräuche und gründeten Kirchengemeinden. Zugleich gab es Vorbehalte. In den 1850er Jahren versuchten Gruppen wie die Know-Nothings, den Einfluss von Einwanderern, vor allem von Katholiken, zurückzudrängen. Das nennt man Nativismus.
Manche Auswanderer hatten Erfolg und wurden bekannt. Levi Strauss, der aus Buttenheim in Franken stammte und 1847 in die USA kam, begründete mit seinem Geschäft die Jeans-Marke Levi’s. Heinrich Steinweg, der in Amerika Henry Steinway hieß, gründete in New York die Klavierfabrik Steinway & Sons. Die meisten Einwanderer blieben jedoch einfache Bauern und Arbeiter. Ihre Leistung bestand darin, mit ihrer Arbeit das Land aufzubauen.
Ursachen und Folgen der Auswanderung nach Amerika
Die Ursachen der Auswanderung liegen in einer Mischung aus Not und Hoffnung: Hunger, Armut, politische Verfolgung auf der einen Seite, Land, Arbeit und Freiheit auf der anderen. Entscheidend war auch, dass es neue Verkehrsmittel gab, die die Reise bezahlbar und sicherer machten. Eisenbahn, Dampfschiff und Telegrafie verbanden die Kontinente enger. Ohne diese Technik wäre eine Wanderung in diesem Ausmaß nicht möglich gewesen.
Die Folgen waren in Europa deutlich zu spüren. Die Auswanderung entlastete den Arbeitsmarkt und die ärmsten Regionen. Viele Auswanderer schickten Geld und Briefe in die Heimat, wodurch immer mehr Menschen vom Leben in Amerika erfuhren. Auf der anderen Seite verlor Deutschland viele junge, tatkräftige Menschen. Politisch Verfolgte fehlten im Land, in dem man um Freiheit und Einheit rang.
In den USA wuchs die Bevölkerung rasant. Die Einwanderer besiedelten den Westen, bauten Eisenbahnen und gründeten Städte. Das Land wurde zu einer der wichtigsten Wirtschaftsmächte. Die Siedlung des Westens ging allerdings auf Kosten der indigenen Völker, die ihr Land verloren. Daran zeigt sich, dass die Geschichte der Auswanderung zwei Seiten hat: Hoffnung für die Einwanderer, Verdrängung für die Menschen, die schon dort lebten.
| Ursachen | Folgen in Europa | Folgen in den USA |
|---|---|---|
| Hunger und Armut | Bevölkerungsdruck sinkt, Geldsendungen kommen zurück | schnelles Wachstum von Städten und Landwirtschaft |
| Politische Verfolgung | Verlust vieler junger, mutiger Menschen | politische Ideen der Achtundvierziger |
| Land und Arbeit in Amerika | Informationen über Amerika verbreiten sich | neue Vielfalt, aber auch Vorurteile |
Typische Fehler und Tipps für die Klassenarbeit
Ein häufiger Fehler ist, nur eine einzige Ursache zu nennen, zum Beispiel „Die Leute wollten reich werden.“ In Wahrheit spielten Armut, Hunger, politische Verfolgung und die Aussicht auf Land zusammen. In der Klassenarbeit gibt es Punkte, wenn du mehrere Gründe nennst und sie nach Push und Pull ordnest. Ein zweiter Fehler: Ellis Island und Castle Garden werden verwechselt. Castle Garden war von 1855 bis 1890 in Betrieb, Ellis Island eröffnete erst 1892.
Auch die Zahlen bringen viele durcheinander. Die 5 Millionen Deutschen beziehen sich auf das ganze 19. Jahrhundert, nicht auf ein einzelnes Jahr. Im Spitzenjahr 1854 waren es über 200 000, im Jahr 1882 rund 250 000. Außerdem sollte man die Wellen kennen: die erste um 1850, die zweite in den 1880er Jahren. Verwechsle die Auswanderung aus wirtschaftlicher Not nicht mit der Flucht vor dem Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert, die eine ganz andere Ursache hatte.
Für die Klassenarbeit gilt: Lerne die wichtigsten Daten, also 1847 (Hunger), 1848 (Revolution), 1862 (Homestead Act) und 1892 (Ellis Island). Übe, Auswanderungsgründe in Push und Pull zu teilen, und erkläre den Weg in drei Etappen: Hafen, Überfahrt, Ankunft. Eine Karte der Routen kannst du mit Bremerhaven, Hamburg, New York und dem Mittleren Westen beschriften.
Jetzt bist du dran
Welcher Grund gehört zu den Push-Faktoren der Auswanderung?
Noch nicht. Push-Faktoren drängen Menschen aus der Heimat, dazu zählen Hunger und Missernten. Land, Arbeit und Religionsfreiheit in Amerika sind dagegen Pull-Faktoren, weil sie anziehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Im 19. Jahrhundert wanderten rund 5 Millionen Deutsche in die USA aus, in Wellen mit Höhepunkten um 1854 und in den 1880er Jahren.
- Push-Faktoren: Armut, Missernten (1846 und 1847), Verlust von Handwerksarbeit und politische Verfolgung nach 1848.
- Pull-Faktoren: Land (Homestead Act 1862), Arbeit, Religionsfreiheit und Briefe von Verwandten.
- Die Überfahrt im Zwischendeck dauerte unter Segeln sechs bis acht Wochen, mit Dampfschiffen rund zwei Wochen. Ankunft in New York über Castle Garden und ab 1892 über Ellis Island.
- Die Einwanderer ließen die USA wachsen, doch die Besiedlung des Westens ging zulasten der indigenen Völker.
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Häufige Fragen zu Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert
- Warum wanderten die Deutschen im 19. Jahrhundert nach Amerika aus?
- Die wichtigsten Gründe waren Armut und Hunger, etwa nach den Missernten 1846 und 1847, der Verlust von Arbeit durch die Industrialisierung und politische Verfolgung nach der gescheiterten Revolution von 1848. Hinzu kamen Anreize in den USA: billiges Land, Arbeit und Freiheit. Meist spielten mehrere Gründe zusammen.
- Wie viele Deutsche wanderten im 19. Jahrhundert in die USA aus?
- Nach der US-Einwanderungsstatistik kamen im 19. Jahrhundert rund 5 Millionen Menschen aus Deutschland in die USA. Die größten Wellen lagen in den 1850er Jahren mit rund 950 000 und in den 1880er Jahren mit rund 1,45 Millionen. Damit waren die Deutschen neben den Iren die größte Gruppe.
- Wie lange dauerte die Überfahrt nach Amerika?
- Mit dem Segelschiff dauerte die Überfahrt etwa sechs bis acht Wochen, bei schlechtem Wetter auch länger. Seit den 1860er Jahren setzten sich Dampfschiffe durch. Sie verkürzten die Reise auf etwa zwei Wochen und später noch weiter. Die meisten Auswanderer reisten im engen, dunklen Zwischendeck.
- Was ist der Unterschied zwischen Ellis Island und Castle Garden?
- Castle Garden war von 1855 bis 1890 die erste Einwanderungsstation in New York. Ellis Island übernahm diese Aufgabe am 1. Januar 1892 und blieb bis 1954 in Betrieb. Beide prüften Gesundheit und Papiere der Ankommenden. Wer in den Jahren dazwischen kam, wurde vorübergehend an einem anderen Ort abgefertigt.
- Was war der Homestead Act?
- Der Homestead Act von 1862 war ein Gesetz der USA, das Siedlern bis zu 160 Acres Land zusprach, das sind etwa 65 Hektar. Wer dort fünf Jahre lebte und das Land bewirtschaftete, wurde Eigentümer. Das Gesetz lockte viele Einwanderer und Familien in den Westen der USA und trieb die Besiedlung voran.
- Wohin zogen die meisten deutschen Auswanderer?
- Die meisten ließen sich im Mittleren Westen nieder, etwa in Ohio, Wisconsin, Missouri, Illinois und später in Texas. Städte wie Milwaukee, St. Louis, Cincinnati und Chicago hatten große deutsche Viertel mit eigenen Zeitungen und Vereinen. Andere blieben in New York oder Baltimore und arbeiteten als Handwerker.
- Was bedeutet Push- und Pull-Faktoren?
- Push-Faktoren sind Gründe, die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, zum Beispiel Hunger, Armut oder politische Verfolgung. Pull-Faktoren sind Gründe, die Menschen in ein anderes Land ziehen, etwa billiges Land, Arbeit oder Religionsfreiheit. Mit diesem Modell erklären Historiker, warum Menschen auswandern und wohin sie gehen.
- Welche bekannten Menschen wanderten damals nach Amerika aus?
- Levi Strauss stammte aus Buttenheim in Franken und kam 1847 in die USA. Er begründete die Jeans-Marke Levi’s. Heinrich Steinweg, der in Amerika Henry Steinway hieß, gründete in New York die Klavierfabrik Steinway & Sons. Beide stehen für den Erfolg einzelner Einwanderer, auch wenn die meisten ein bescheidenes Leben führten.
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