Fällungsreaktion: Ablauf, Beispiele und Löslichkeitsregeln
Eine Fällungsreaktion liegt vor, wenn zwei klare Salzlösungen zusammengegeben werden und dabei ein schwer lösliches Salz als fester Niederschlag ausfällt. In dieser Lektion lernst du, wie du mit den Löslichkeitsregeln vorhersagst, ob ein Niederschlag entsteht, wie du die Ionengleichung aufstellst und wie die Fällungsreaktion im Labor und in der Kläranlage genutzt wird.
- Fach: Chemie
- Klasse 10
- Thema: Chemische Reaktionen
- Dauer: 18 Min
- Niveau: Mittel
Fällungsreaktion: Was beim Ausfallen passiert
Bei einer Fällungsreaktion bilden gelöste Ionen ein Salz, das sich in Wasser kaum löst, und dieses Salz fällt als fester Niederschlag aus der Lösung aus. Sie ist damit eine Reaktion, bei der aus zwei klaren Flüssigkeiten plötzlich eine Trübung oder ein Feststoff entsteht, den man sofort sehen kann.
Die Erklärung liegt im Teilchenmodell. Ein gelöstes Salz wie Natriumchlorid zerfällt in Wasser in frei bewegliche Ionen, nämlich Na⁺ und Cl⁻. Mischst du zwei Salzlösungen, schwimmen plötzlich vier verschiedene Ionensorten durcheinander. Treffen sich zwei davon, die zusammen ein schwer lösliches Salz bilden, ordnen sie sich zu einem Ionengitter an. Dieses Gitter wächst, wird sichtbar und sinkt zu Boden.
Die übrigen Ionen bleiben dabei gelöst und verändern sich nicht. Man nennt sie Zuschauerionen. Sie sind zwar in der Lösung vorhanden, nehmen aber an der eigentlichen Reaktion nicht teil. Genau deshalb reicht für die Fällungsreaktion eine verkürzte Ionengleichung, in der nur die beteiligten Ionen und der Niederschlag stehen.
Löslichkeitsregeln für die Fällungsreaktion
Ob bei einer Fällungsreaktion ein Niederschlag entsteht, entscheidest du mit den Löslichkeitsregeln. Du musst sie nicht auswendig für jedes einzelne Salz kennen, sondern nur für die wichtigsten Gruppen. Alle Nitrate und alle Salze mit Natrium-, Kalium- oder Ammonium-Ionen lösen sich gut in Wasser. Aus ihnen entsteht also nie ein Niederschlag.
Bei den Chloriden gibt es wenige Ausnahmen: Silberchlorid und Blei(II)-chlorid lösen sich schlecht. Auch die meisten Sulfate sind löslich, nur Bariumsulfat und Blei(II)-sulfat fallen aus. Calciumsulfat liegt dazwischen und löst sich nur mäßig. Carbonate, Phosphate und Sulfide sind dagegen meist schwer löslich, sofern sie nicht zu einem Alkalimetall oder Ammonium gehören. Bei den Hydroxiden verhält es sich ähnlich.
Bei einem Test gehst du also jede mögliche Ionenkombination durch. Aus den Lösungen von A⁺B⁻ und C⁺D⁻ können theoretisch die neuen Salze A⁺D⁻ und C⁺B⁻ entstehen. Schlage beide in den Regeln nach. Ist mindestens eines schwer löslich, fällt es aus. Sind beide gut löslich, passiert nichts außer dem Vermischen der Ionen.
| Niederschlag | Formel | Farbe | Entsteht aus |
|---|---|---|---|
| Silberchlorid | AgCl | weiß, käsig | Ag⁺ und Cl⁻ |
| Bariumsulfat | BaSO₄ | weiß, feinkristallin | Ba²⁺ und SO₄²⁻ |
| Blei(II)-iodid | PbI₂ | gelb | Pb²⁺ und I⁻ |
| Calciumcarbonat | CaCO₃ | weiß | Ca²⁺ und CO₃²⁻ |
| Eisen(III)-hydroxid | Fe(OH)₃ | rotbraun | Fe³⁺ und OH⁻ |
Fällungsreaktion Schritt für Schritt: So gehst du vor
Mit einem festen Ablauf löst du jede Fällungsreaktion zuverlässig. Zuerst schreibst du die Formeln der beiden gelösten Salze auf und teilst sie gedanklich in ihre Ionen. Danach tauschst du die Partner: Das Kation des einen Salzes verbindet sich mit dem Anion des anderen. So erhältst du die zwei möglichen neuen Salze.
Im dritten Schritt prüfst du beide mit den Löslichkeitsregeln. Das schwer lösliche Salz ist dein Niederschlag, das gut lösliche bleibt gelöst. Nun stellst du die Gleichung auf und gleichst sie aus, denn auch hier muss links und rechts von jedem Element gleich viel stehen und die Ladung muss stimmen. Zum Schluss streichst du die Zuschauerionen, die auf beiden Seiten unverändert vorkommen, und erhältst die Ionengleichung.
Die Ionengleichung zeigt den Kern der Reaktion. Bei Silberchlorid lautet sie Ag⁺ + Cl⁻ → AgCl↓, ganz gleich, ob die Chloridionen aus Natriumchlorid, Kaliumchlorid oder Salzsäure stammen. Genau darauf beruht die Nachweisreaktion für Chlorid, die du im Labor einsetzt.
Beispiel 1: Silberchlorid berechnen
Zu 100 mL Silbernitratlösung mit der Konzentration 0,10 mol/L wird überschüssige Natriumchloridlösung gegeben. Stelle die Gleichung auf und berechne die Masse des entstehenden Silberchlorids. Die molare Masse beträgt M(AgCl) = 143,32 g/mol.
Gegeben:
- V(AgNO₃-Lösung)100 mL0,100 L
- c(AgNO₃)0,10 molL
- M(AgCl)143,32 g/mol
Gesucht:
Masse m(AgCl) des NiederschlagsLösung:
- Gleichung aufstellen: AgNO₃ + NaCl → AgCl↓ + NaNO₃. Die Ionengleichung lautet Ag⁺ + Cl⁻ → AgCl↓.
- Stoffmenge berechnen: n = c · V = 0,10 mol/L · 0,100 L = 0,010 mol Ag⁺.
- Verhältnis nutzen: 1 mol Ag⁺ liefert 1 mol AgCl, also entstehen 0,010 mol AgCl, weil Chlorid im Überschuss vorliegt.
- Masse berechnen: m = n · M = 0,010 mol · 143,32 g/mol ≈ 1,43 g.
Es entstehen etwa 1,43 g Silberchlorid als weißer, käsiger Niederschlag. Weil Natriumchlorid im Überschuss vorliegt, bestimmt allein die Silbermenge, wie viel Niederschlag sich bildet. Die Zuschauerionen Na⁺ und NO₃⁻ bleiben gelöst.
Beispiel 2: Ionengleichung für Bleiiodid
Blei(II)-nitratlösung und Kaliumiodidlösung werden gemischt. Es bildet sich ein gelber Niederschlag. Stelle die ausgeglichene Reaktionsgleichung und die Ionengleichung auf.
Gegeben:
- Edukte: Pb(NO₃)₂ und KI
- Beobachtung: gelber Niederschlag
Gesucht:
Reaktionsgleichung und IonengleichungLösung:
- Partner tauschen: Pb²⁺ verbindet sich mit I⁻, K⁺ verbindet sich mit NO₃⁻. Mögliche Produkte sind PbI₂ und KNO₃.
- Löslichkeit prüfen: Nitrate sind immer löslich, also bleibt KNO₃ gelöst. Blei(II)-iodid ist schwer löslich und fällt gelb aus.
- Ausgleichen: Pb(NO₃)₂ + 2 KI → PbI₂↓ + 2 KNO₃. Beide Seiten enthalten 1 Pb, 2 I, 2 K und 2 NO₃.
- Zuschauerionen K⁺ und NO₃⁻ streichen: Pb²⁺ + 2 I⁻ → PbI₂↓. Die Ladung stimmt: links +2 − 2 = 0, rechts 0.
Die Ionengleichung lautet Pb²⁺ + 2 I⁻ → PbI₂↓. Das gelbe Blei(II)-iodid löst sich beim Erhitzen wieder auf und kristallisiert beim Abkühlen in glitzernden Plättchen aus. Dieses Experiment wird wegen seines Aussehens „goldener Regen“ genannt.
Typische Fehler bei der Fällungsreaktion
Der häufigste Fehler ist, die Zuschauerionen in die Ionengleichung zu schreiben. Dann steht in der Gleichung Ag⁺ + NO₃⁻ + Na⁺ + Cl⁻ → AgCl↓ + Na⁺ + NO₃⁻. Das ist nicht falsch, aber unnötig lang und verdeckt den Kern. Streiche alles, was auf beiden Seiten unverändert vorkommt.
Ein zweiter Fehler betrifft das Ausgleichen. Wer bei Pb(NO₃)₂ + KI → PbI₂ + KNO₃ stehen bleibt, vergisst die Koeffizienten. Zähle deshalb immer nach, wie viele Atome und Ladungen links und rechts stehen. Auch die Indizes dürfen dabei nicht verändert werden, nur die Koeffizienten davor.
Der dritte Fehler ist, ein Salz im Niederschlag mit seiner Lösung zu verwechseln. Steht ein Salz als „(aq)“ in der Gleichung, ist es gelöst, steht es als „(s)“ oder mit Pfeil nach unten, ist es fest. Löslich bedeutet nicht, dass ein Salz überhaupt nicht ausfällt, sondern nur, dass es unter den Bedingungen gelöst bleibt. Auch ein „schwer lösliches“ Salz löst sich in winzigen Mengen.
Alltagsbezug und Laborsicherheit
Die Fällungsreaktion begegnet dir häufiger, als du denkst. Hartes Wasser enthält Calcium-Ionen, die mit Carbonat-Ionen zu Kalk reagieren und den Belag in Wasserkocher und Waschmaschine bilden. In Kläranlagen wird Phosphat aus dem Abwasser gefällt, indem man Eisen(III)- oder Aluminiumsalze zugibt. Die entstehenden schwer löslichen Phosphate setzen sich ab und gelangen so nicht in Flüsse und Seen, wo sie das Algenwachstum fördern würden.
Im Labor dient die Fällungsreaktion als Nachweis. Silbernitratlösung weist Chlorid-Ionen durch einen weißen Niederschlag nach, Bariumchloridlösung weist Sulfat-Ionen nach. Beim Arbeiten gelten klare Regeln. Silbernitrat ätzt und hinterlässt auf Haut und Kleidung schwarze Flecken. Bariumsalze und Bleisalze sind giftig. Trage deshalb Schutzbrille und Handschuhe und gib die Reste niemals in den Ausguss, sondern in den dafür vorgesehenen Abfallbehälter für Schwermetalle.
Jetzt bist du dran
Silbernitratlösung und Natriumchloridlösung werden gemischt. Welcher Stoff fällt aus?
Noch nicht. Aus den Ionen Ag⁺ und Cl⁻ entsteht Silberchlorid, das schwer löslich ist. Natriumnitrat ist wie alle Nitrate gut löslich und bleibt in Lösung.
Das Wichtigste in Kürze
- Bei einer Fällungsreaktion bilden gelöste Ionen ein schwer lösliches Salz, das als Niederschlag ausfällt.
- Mit den Löslichkeitsregeln prüfst du beide möglichen Produkte: Nitrate, Alkali- und Ammoniumsalze bleiben immer gelöst.
- Die Ionengleichung enthält nur die beteiligten Ionen und den Niederschlag, Zuschauerionen werden gestrichen.
- Den Niederschlag kennzeichnest du mit einem Pfeil nach unten, die Gleichung muss nach Atomen und Ladungen ausgeglichen sein.
- Anwendungen sind der Nachweis von Chlorid und Sulfat sowie die Phosphatfällung in Kläranlagen.
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Häufige Fragen zu Fällungsreaktion: Ablauf, Beispiele und Löslichkeitsregeln
- Was ist eine Fällungsreaktion einfach erklärt?
- Eine Fällungsreaktion ist eine Reaktion, bei der zwei Salzlösungen zusammengegeben werden und ein schwer lösliches Salz als Feststoff ausfällt. Die Ionen treffen sich in der Lösung, bilden ein Gitter und sinken als Niederschlag nach unten.
- Wie erkenne ich, ob ein Niederschlag entsteht?
- Du vertauschst die Partner der beiden Salze und prüfst die neuen Verbindungen mit den Löslichkeitsregeln. Ist mindestens eine davon schwer löslich, entsteht ein Niederschlag. Sind beide gut löslich, bleiben alle Ionen gelöst und du siehst keine Veränderung.
- Was sind Zuschauerionen?
- Zuschauerionen sind Ionen, die vor und nach der Reaktion unverändert gelöst vorliegen. Sie nehmen nicht an der Bildung des Niederschlags teil. Deshalb lässt man sie in der Ionengleichung weg und schreibt nur die reagierenden Ionen auf.
- Wie stelle ich die Ionengleichung einer Fällungsreaktion auf?
- Schreibe zuerst die vollständige Gleichung mit allen Ionen, markiere den Niederschlag mit einem Pfeil nach unten und streiche dann alle Ionen, die links und rechts gleich vorkommen. Zum Schluss prüfst du, ob Atome und Ladungen auf beiden Seiten übereinstimmen.
- Welche Salze sind in Wasser schwer löslich?
- Schwer löslich sind unter anderem Silberchlorid, Bariumsulfat, Blei(II)-sulfat, die meisten Carbonate und Phosphate sowie viele Hydroxide und Sulfide. Alle Nitrate und die Salze von Natrium, Kalium und Ammonium sind dagegen gut löslich.
- Was ist der Unterschied zwischen Fällung und Auflösung?
- Beim Auflösen zerfällt ein Salz in Wasser in seine Ionen, beim Fällen schließen sich Ionen wieder zu einem festen Salz zusammen. Die Fällungsreaktion ist also die Umkehrung des Lösevorgangs für ein schwer lösliches Salz.
- Wofür nutzt man Fällungsreaktionen im Alltag und im Labor?
- Im Labor dienen sie als Nachweis von Chlorid oder Sulfat. Im Alltag begegnen sie dir als Kalkbelag in Wasserkochern und bei der Phosphatfällung in Kläranlagen, wo gelöstes Phosphat mit Eisen- oder Aluminiumsalzen aus dem Abwasser entfernt wird.
- Warum bekommt der Niederschlag in der Gleichung einen Pfeil nach unten?
- Der Pfeil nach unten zeigt, dass der Stoff als Feststoff aus der Lösung ausfällt und sich am Boden absetzt. Er ersetzt die Angabe „(s)“ für fest und macht in der Gleichung auf einen Blick sichtbar, welcher Stoff der Niederschlag ist.
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