Klassenspace

Anhalteweg und Bremsweg berechnen

Anhalteweg und Bremsweg berechnen kannst du mit zwei Formeln: Der Reaktionsweg ist Geschwindigkeit mal Reaktionszeit, der Bremsweg ist Geschwindigkeit zum Quadrat geteilt durch zwei mal Bremsverzögerung, und beide zusammen ergeben den Anhalteweg. Du lernst in dieser Lektion, warum doppeltes Tempo den Bremsweg vervierfacht, wie die Faustformeln der Fahrschule funktionieren und worin sie sich von der physikalischen Rechnung unterscheiden.

  • Fach: Physik
  • Klasse 9
  • Thema: Mechanik
  • Dauer: 18 Min
  • Niveau: Mittel
1

Anhalteweg und Bremsweg berechnen: Reaktionsweg und Bremsweg

Wenn du im Auto oder auf dem Fahrrad plötzlich eine Gefahr siehst, steht das Fahrzeug nicht sofort. Der gesamte Weg vom Erkennen der Gefahr bis zum Stillstand heißt Anhalteweg. Er besteht aus zwei Teilen, die physikalisch ganz verschieden sind. Der erste Teil ist der Reaktionsweg, der zweite der Bremsweg.

Der Reaktionsweg ist die Strecke, die das Fahrzeug in der Reaktionszeit zurücklegt. Das ist die Zeit vom Erkennen der Gefahr bis der Fuß auf der Bremse steht. In dieser Zeit fährt das Auto noch mit unverändertem Tempo, es ist eine gleichförmige Bewegung. Als Richtwert nimmt man etwa eine Sekunde, bei Müdigkeit, Ablenkung durch das Handy oder Alkohol wird sie deutlich länger.

Der Bremsweg beginnt erst, wenn die Bremsen greifen. Jetzt verliert das Fahrzeug gleichmäßig an Tempo, es ist eine gleichmäßig verzögerte Bewegung. Wie lang der Weg wird, hängt vom Tempo, vom Reifenzustand und vom Straßenbelag ab. Auf trockenem Asphalt schafft ein Auto bei einer Vollbremsung etwa 8 m/s² Verzögerung, auf nasser Straße etwa die Hälfte, auf Eis nur 1 bis 2 m/s².

2

Anhalteweg und Bremsweg berechnen: Formel und Fahrschul-Faustformel

Für den Bremsweg gilt die Formel s gleich v zum Quadrat geteilt durch zwei mal a. Dabei steht v für die Geschwindigkeit am Beginn des Bremsens in Metern pro Sekunde und a für den Betrag der Bremsverzögerung. Für den Reaktionsweg gilt s gleich v mal t. Der Anhalteweg ist die Summe der beiden Wege. Wichtig: Das Tempo muss in m/s stehen. Kilometer pro Stunde teilst du dafür durch 3,6.

In der Fahrschule lernst du Faustformeln, mit denen du im Kopf rechnest, wenn du das Tempo in km/h durch 10 teilst. Der Reaktionsweg ist dann dieser Wert mal 3, der normale Bremsweg ist dieser Wert zum Quadrat, und bei einer Gefahrbremsung rechnest du mit der Hälfte davon. Bei 50 km/h ergibt das 15 m Reaktionsweg, 25 m Bremsweg bei normalem Bremsen und 12,5 m bei Gefahrbremsung.

Die Faustformeln sind Näherungen mit gerundeten Werten. Der Faktor 3 entspricht einer Reaktionszeit von etwa 1,1 Sekunden, der Bremsweg bei normalem Bremsen einer Verzögerung von etwa 3,9 m/s². Die physikalische Rechnung kennt dagegen jeden Wert einzeln und lässt sich auf Nässe, Schnee oder andere Reaktionszeiten anpassen. Beide Wege liefern ähnliche Ergebnisse, die Physik erklärt aber, warum.

sv²2 · a
s
Bremsweg in Metern (m)
v
Geschwindigkeit in m/s, km/h geteilt durch 3,6
a
Bremsverzögerung in m/s², auf trockener Straße etwa 8
t
Reaktionszeit in s, für den Reaktionsweg gilt s = v · t
GrößeFaustformel der FahrschulePhysikalische Rechnung
ReaktionswegTacho durch 10, mal 3v mal t, mit t etwa 1 s
Bremsweg, normalTacho durch 10, zum Quadratv² durch 2a, mit a etwa 3,9 m/s²
Bremsweg, Gefahrbremsunghalber Wert der Normalbremsungv² durch 2a, mit a etwa 8 m/s²
AnhaltewegReaktionsweg plus BremswegReaktionsweg plus Bremsweg
Fahrschul-Faustformel und physikalische Rechnung im Vergleich
3

Anhalteweg und Bremsweg berechnen: Warum Tempo so stark zählt

Das Quadrat in der Bremswegformel hat große Folgen. Verdoppelst du das Tempo, wird v zum Quadrat viermal so groß, und der Bremsweg wird ebenfalls viermal so lang. Bei dreifachem Tempo ist er sogar neunmal so lang. Der Reaktionsweg wächst dagegen nur doppelt, denn er ist proportional zum Tempo. Dadurch fällt bei hohen Geschwindigkeiten der Bremsweg immer stärker ins Gewicht.

Der Grund liegt in der Bewegungsenergie. Sie beträgt ein halb mal Masse mal v zum Quadrat und wächst mit dem Quadrat des Tempos. Die Bremsen müssen diese Energie vollständig in Wärme umwandeln. Die Bremskraft ist begrenzt durch die Haftreibung zwischen Reifen und Straße. Die verrichtete Arbeit ist Kraft mal Weg. Bei gleicher Bremskraft braucht die vierfache Energie deshalb den vierfachen Weg, und genau das bedeutet doppeltes Tempo.

Auch die Masse spielt eine Rolle, aber anders, als viele denken. Ein schweres Auto hat mehr Bewegungsenergie, wird aber auch stärker auf die Straße gedrückt. Bei gleicher Haftreibungszahl kürzen sich beide Effekte, die Verzögerung hängt kaum von der Masse ab. Entscheidend sind Reifen, Straßenbelag und Bremsanlage, besonders das Antiblockiersystem.

Der Anhalteweg setzt sich aus Reaktionsweg und Bremsweg zusammen.
4

Beispiel 1: Anhalteweg bei 50 km/h

Ein Auto fährt mit 50 km/h in der Stadt. Plötzlich läuft ein Kind auf die Straße. Die Reaktionszeit beträgt 1,0 s, die Bremsverzögerung bei Vollbremsung auf trockener Straße 8 m/s². Berechne Reaktionsweg, Bremsweg und Anhalteweg.

Gegeben:

  • v50 km/h13,9 m/s
  • t1,0 s
  • a8 ms²

Gesucht:

Reaktionsweg, Bremsweg und Anhalteweg

Lösung:

  1. Reaktionsweg: s₁v · t13,9 ms · 1,0 s13,9 m
  2. Bremsweg: s₂v²2 · a19316 m ≈ 12,1 m
  3. Anhalteweg: ss₁ + s₂13,9 m + 12,1 m26,0 m

Das Auto legt in der Reaktionszeit 13,9 m zurück, bremst dann 12,1 m und steht nach insgesamt 26,0 m. Der Reaktionsweg ist hier sogar länger als der Bremsweg. Das Kind muss also mindestens 26 m entfernt sein, damit das Auto rechtzeitig steht. Bei Tempo 30 wären es nur etwa 13 m, also die Hälfte.

Je höher das Tempo, desto stärker wächst der Bremsweg gegenüber dem Reaktionsweg.
5

Beispiel 2: Faustformel und Physik bei 100 km/h

Ein Auto fährt auf der Landstraße 100 km/h und macht eine Gefahrbremsung. Berechne den Anhalteweg einmal mit der Faustformel der Fahrschule und einmal physikalisch mit t = 1,0 s und a = 8 m/s². Vergleiche beide Ergebnisse.

Gegeben:

  • v100 km/h27,8 m/s
  • t1,0 s und a8 ms²

Gesucht:

Anhalteweg nach Faustformel und nach Physik

Lösung:

  1. Faustformel: Tacho durch 10 ist 10. Reaktionsweg 10 · 3 = 30 m, Bremsweg bei Gefahrbremsung (10 · 10) / 2 = 50 m, zusammen 80 m
  2. Physik: s₁27,8 ms · 1,0 s27,8 m und s₂(1003,6)² / 16 m ≈ 48,2 m
  3. Anhalteweg nach Physik: 27,8 m + 48,2 m ≈ 76,0 m

Die Faustformel liefert 80 m, die physikalische Rechnung 76 m. Der Unterschied von etwa 4 m entsteht, weil die Faustformel gerundete Faktoren benutzt und bewusst etwas zu große Werte liefert. Auf nasser Straße mit a gleich 4 m/s² wäre der Bremsweg nach Physik dagegen etwa 96,5 m, der Anhalteweg also gut 124 m. Das zeigt, warum man bei Nässe langsamer fahren muss.

6

Typische Fehler beim Anhalteweg

Der häufigste Fehler ist, den Anhalteweg mit dem Bremsweg gleichzusetzen. Der Bremsweg ist nur ein Teil. Wer den Reaktionsweg vergisst, unterschätzt die Strecke bei 50 km/h um mehr als die Hälfte. In Klassenarbeiten fragt man deshalb oft ausdrücklich nach dem Anhalteweg, und dann musst du beide Wege addieren.

Der zweite Fehler betrifft die Einheiten. In die Formel gehört das Tempo in m/s, nicht in km/h. Wer 50 km/h direkt einsetzt, bekommt einen viel zu großen Bremsweg. Teile km/h immer zuerst durch 3,6. Die Verzögerung steht in m/s², die Reaktionszeit in Sekunden, das Ergebnis dann in Metern.

Der dritte Fehler ist, die Faustformeln mit der Physik zu mischen. Die Faustformel rechnet mit dem Tacho in km/h, die Formel s gleich v² durch 2a mit m/s. Setzt du den Tachowert in die physikalische Formel ein, kommt Unsinn heraus. Der vierte Fehler ist die Annahme, doppeltes Tempo bedeute doppelten Bremsweg. Richtig ist: vierfacher Bremsweg, aber nur doppelter Reaktionsweg.

7

Anhalteweg im Alltag und Tipps für die Klassenarbeit

Der Anhalteweg erklärt, warum Tempolimits vor Schulen und in Wohngebieten sinnvoll sind. Bei 30 km/h steht ein Auto nach etwa 13 m, bei 50 km/h erst nach 26 m. Ein Kind, das 20 m vor dem Auto auf die Straße läuft, wird bei Tempo 30 noch knapp verschont, bei Tempo 50 trifft das Auto es noch mit etwa 35 km/h. Der Aufprall ist dann immer noch gefährlich, weil die Bewegungsenergie mit dem Quadrat des Tempos wächst.

Auch für Radfahrer gilt die Rechnung, nur mit kleineren Zahlen. Ein Fahrrad mit 20 km/h hat etwa 5,6 m/s. Bei einer Verzögerung von 4 m/s² und einer Reaktionszeit von einer Sekunde ergeben sich 5,6 m Reaktionsweg und 3,9 m Bremsweg, zusammen fast 10 m. Eine nasse Straße oder abgefahrene Reifen verlängern das deutlich.

In der Klassenarbeit gehst du in fester Reihenfolge vor: Tempo in m/s umrechnen, Reaktionsweg ausrechnen, Bremsweg ausrechnen, beide addieren, Einheit und Größenordnung prüfen. Ein Anhalteweg bei 50 km/h liegt bei Gefahrbremsung in der Regel zwischen 20 und 40 m. Liegt dein Ergebnis weit davon entfernt, hast du wahrscheinlich Einheiten verwechselt.

Die wichtigsten Aussagen zum Anhalteweg und Bremsweg auf einen Blick.
8

Jetzt bist du dran

Aufgabe 1 von 5

Ein Auto fährt 72 km/h, das entspricht 20 m/s. Die Bremsverzögerung beträgt 8 m/s². Wie lang ist der Bremsweg in Metern?

m
9

Das Wichtigste in Kürze

  • Anhalteweg gleich Reaktionsweg plus Bremsweg.
  • Reaktionsweg: s gleich v mal t. Bremsweg: s gleich v² durch 2 mal a, mit dem Tempo in m/s.
  • Doppeltes Tempo bedeutet doppelten Reaktionsweg, aber vierfachen Bremsweg.
  • Fahrschul-Faustformeln sind gerundete Näherungen: Reaktionsweg Tacho durch 10 mal 3, Bremsweg Tacho durch 10 zum Quadrat, bei Gefahrbremsung die Hälfte.
  • Nässe und Eis verlängern den Bremsweg stark, weil die Bremsverzögerung kleiner ist.

Lektion abschließen

Schließe alle Aufgaben ab, um diese Lektion zu beenden.

0 %

Häufige Fragen zu Anhalteweg und Bremsweg berechnen

Wie berechnet man den Anhalteweg?
Du addierst Reaktionsweg und Bremsweg. Den Reaktionsweg berechnest du als Geschwindigkeit mal Reaktionszeit, den Bremsweg als Geschwindigkeit zum Quadrat geteilt durch zwei mal Verzögerung. Rechne das Tempo vorher in Meter pro Sekunde um. Bei 50 km/h, einer Sekunde und 8 m/s² ergeben sich etwa 26 m.
Was ist der Unterschied zwischen Anhalteweg, Bremsweg und Reaktionsweg?
Der Reaktionsweg ist die Strecke, die das Auto zwischen Erkennen der Gefahr und Beginn des Bremsens zurücklegt. Der Bremsweg ist die Strecke vom Beginn des Bremsens bis zum Stillstand. Der Anhalteweg ist die Summe beider Strecken und damit der gesamte Weg bis zum Stehen.
Wie lautet die Faustformel für den Bremsweg?
Du teilst die Geschwindigkeit in km/h durch 10 und quadrierst das Ergebnis. Bei 50 km/h sind das 5 mal 5, also 25 m. Bei einer Gefahrbremsung rechnest du mit der Hälfte, also 12,5 m. Die Formel ist eine gerundete Näherung für trockene Straße.
Wie lautet die Faustformel für den Reaktionsweg?
Du teilst die Geschwindigkeit in km/h durch 10 und multiplizierst mit 3. Bei 50 km/h ergibt das 15 m. Die Formel entspricht einer Reaktionszeit von etwa einer Sekunde, denn in einer Sekunde legt ein Auto bei Tempo v in km/h ungefähr v durch 3,6 Meter zurück.
Warum vervierfacht sich der Bremsweg bei doppeltem Tempo?
Die Bewegungsenergie wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit, denn sie beträgt ein halb mal Masse mal v zum Quadrat. Die Bremsen müssen diese Energie bei begrenzter Bremskraft abbauen. Doppeltes Tempo bedeutet vierfache Energie und damit bei gleicher Bremskraft einen vierfachen Weg.
Wie lang ist der Bremsweg bei 50 km/h?
Bei einer Gefahrbremsung auf trockener Straße beträgt er etwa 12 m, bei normalem Bremsen nach der Fahrschul-Faustformel etwa 25 m. Auf nasser Straße kann er auf etwa 24 m steigen, auf Eis sogar auf über 60 m. Dazu kommen noch etwa 14 m Reaktionsweg.
Wie wirkt sich Nässe auf den Bremsweg aus?
Auf nasser Fahrbahn ist die Haftung zwischen Reifen und Straße geringer, die Bremsverzögerung sinkt auf etwa 4 bis 5 m/s². Weil a im Nenner steht, wird der Bremsweg etwa doppelt so lang wie auf trockener Straße. Bei schlechten Reifen oder Aquaplaning ist der Effekt noch größer.
Wie lang ist die Reaktionszeit beim Autofahren?
Als Durchschnitt rechnet man mit etwa einer Sekunde. Sie kann kürzer sein, wenn du auf eine Gefahr vorbereitet bist, aber deutlich länger bei Müdigkeit, Ablenkung oder Alkohol. Schon eine Sekunde Handyblick kostet bei 50 km/h fast 14 m Strecke, in der niemand bremst.

Wiederhol diese Fragen später mit deinem Lernkarten-Trainer.

Das solltest du vorher können

Das kommt als Nächstes