Hall-Effekt: Hallspannung und Hall-Sensor
Der Hall-Effekt ist das Entstehen einer elektrischen Spannung quer zu einem stromdurchflossenen Leiter, der von einem Magnetfeld senkrecht durchsetzt wird. Diese Hallspannung ist proportional zur magnetischen Flussdichte, deshalb lassen sich damit Magnetfelder, Drehzahlen und Positionen messen. In dieser Lektion verstehst du die Ladungstrennung durch die Lorentzkraft, berechnest die Hallspannung und erfährst, warum Hall-Sensoren aus Halbleitern bestehen.
- Fach: Physik
- Klasse 12
- Thema: Elektrizität
- Dauer: 20 Min
- Niveau: Schwer
Hall-Effekt: Ladungsträger im Magnetfeld
Durch einen Draht fließt ein Strom, weil sich elektrische Ladungsträger bewegen. In Metallen sind das Elektronen, in manchen Halbleitern auch positive Löcher. Befindet sich der Draht in einem Magnetfeld, wirkt auf jedes bewegte Teilchen die Lorentzkraft. Sie steht senkrecht zur Bewegungsrichtung und senkrecht zum Magnetfeld. Genau deshalb wird ein stromdurchflossener Leiter im Magnetfeld insgesamt seitlich gedrückt, wie du es vom Elektromotor kennst.
Edwin Hall entdeckte 1879 einen weiteren Effekt: Nimmst du ein dünnes, flaches Plättchen, durch das ein Strom fließt, und hältst es senkrecht in ein Magnetfeld, drängen sich die Ladungsträger an einer Längsseite zusammen. Dort entsteht ein Überschuss an Ladung, auf der gegenüberliegenden Seite ein Mangel. Zwischen den beiden Seiten baut sich eine Spannung auf, die Hallspannung. Sie steht quer zum Strom und quer zum Magnetfeld.
Diese Spannung ist ein elektrisches Signal, das vom Magnetfeld abhängt. Genau das macht den Hall-Effekt technisch so wertvoll. Ein Hall-Sensor ist im Kern ein winziges Plättchen mit vier Anschlüssen: zwei für den Strom, zwei zum Abgreifen der Hallspannung. Er verwandelt eine unsichtbare Größe, das Magnetfeld, in eine messbare Spannung.
Hall-Effekt: Die Hallspannung berechnen
Die Ladungstrennung hört auf, sobald das elektrische Feld der getrennten Ladungen genauso stark an den Ladungsträgern zieht, wie die Lorentzkraft sie zur Seite drückt. Dann gilt e mal E gleich e mal v mal B, die Elementarladung kürzt sich heraus, und das elektrische Feld ist E gleich v mal B. Multiplizierst du es mit der Breite b des Plättchens, erhältst du die Hallspannung: U gleich v mal B mal b.
Meistens kennst du nicht die Driftgeschwindigkeit v, sondern die Stromstärke I. Sie hängt zusammen mit der Ladungsträgerdichte n, der Elementarladung e und dem Querschnitt b mal d des Plättchens: v gleich I geteilt durch n mal e mal b mal d. Setzt du das ein, kürzt sich die Breite heraus, und es bleibt U gleich I mal B geteilt durch n mal e mal d. Dabei ist d die Dicke des Plättchens in Richtung des Magnetfeldes.
Aus dieser Form liest du die Abhängigkeiten sofort ab. Die Hallspannung wächst mit der Stromstärke und mit der Flussdichte, und sie sinkt mit der Dicke und der Ladungsträgerdichte. Ein dünnes Plättchen mit wenigen Ladungsträgern liefert also eine große Hallspannung, genau deshalb nimmt man Halbleiter. Das Vorzeichen der Spannung verrät außerdem, ob negative oder positive Ladungsträger den Strom tragen.
- U
- Hallspannung in Volt (V)
- v
- Driftgeschwindigkeit der Ladungsträger in m/s
- B
- magnetische Flussdichte in Tesla (T)
- b
- Breite des Plättchens quer zum Strom in Metern (m)
| Größe wird größer | Hallspannung | Grund |
|---|---|---|
| Stromstärke I | steigt | mehr Ladungsträger bewegen sich schneller |
| Flussdichte B | steigt | die Lorentzkraft wird größer |
| Dicke d des Plättchens | sinkt | der Strom verteilt sich auf mehr Querschnitt |
| Ladungsträgerdichte n | sinkt | dieselbe Stromstärke bei kleinerer Driftgeschwindigkeit |
Hall-Effekt: So entsteht die Hallspannung
Stell dir das Plättchen von oben vor. Der Strom fließt von links nach rechts, das Magnetfeld zeigt aus der Zeichenebene heraus. Die Elektronen bewegen sich nach links, also entgegen der technischen Stromrichtung. Die Lorentzkraft lenkt sie zu einer Längskante. Dort sammeln sich negative Ladungen, auf der anderen Kante bleiben positive Ladungen zurück, weil Elektronen fehlen.
Zwischen den Kanten entsteht ein elektrisches Feld, das auf die Elektronen eine Kraft in die Gegenrichtung ausübt. Zu Beginn überwiegt die Lorentzkraft, es wandern immer mehr Elektronen zur Seite, das Feld wächst. Nach einem winzigen Moment halten sich beide Kräfte die Waage. Ab dann fließen die Elektronen wieder geradeaus durch das Plättchen, die Hallspannung bleibt konstant, solange Strom und Magnetfeld konstant bleiben.
Kehrst du das Magnetfeld um, kehrt sich auch die Hallspannung um. Das ist ein großer Vorteil, denn der Sensor erkennt nicht nur die Stärke, sondern auch die Richtung des Feldes. Und weil die Spannung ohne mechanische Bauteile entsteht, nutzt sie sich nicht ab und reagiert sehr schnell.
Beispiel 1: Hallspannung eines Halbleiterplättchens
Durch ein Halbleiterplättchen der Breite 5,0 mm fließt Strom. Die Ladungsträger driften mit 25 m/s. Das Plättchen steht senkrecht in einem Magnetfeld der Flussdichte 0,10 T. Berechne die Hallspannung.
Gegeben:
- v25 m/s
- B0,10 T
- b5,0 mm5,0 · 10⁻³ m
Gesucht:
Hallspannung ULösung:
- Formel: Uv · B · b
- Einsetzen: U25 ms · 0,10 T · 5,0 · 10⁻³ m
- Ergebnis: U1,25 · 10⁻² V12,5 mV
Die Hallspannung beträgt 12,5 Millivolt. Das ist klein, aber mit einem Verstärker gut messbar. Verdoppelst du die Flussdichte auf 0,20 T, verdoppelt sich die Hallspannung auf 25 mV, denn U ist proportional zu B. So misst der Sensor das Magnetfeld, ohne es zu verändern.
Beispiel 2: Hall-Effekt in Kupfer und Halbleiter
Ein dünner Kupferstreifen der Dicke 0,10 mm wird von I = 10 A durchflossen und steht in einem Magnetfeld von B = 0,50 T. Kupfer hat n = 8,5 · 10²⁸ Ladungsträger pro Kubikmeter. Berechne die Hallspannung und vergleiche sie mit dem Halbleiter aus Beispiel 1.
Gegeben:
- I10 A und B0,50 T
- d0,10 mm1,0 · 10⁻⁴ m
- n8,5 · 10²⁸ 1m³ und e1,6 · 10⁻¹⁹ C
Gesucht:
Hallspannung ULösung:
- Aus vI(n · e · b · d) und Uv · B · b folgt UI · Bn · e · d
- Einsetzen: U10 · 0,508,5 · 10²⁸ · 1,6 · 10⁻¹⁹ · 1,0 · 10⁻⁴
- Nenner: 1,36 · 10⁶, also U ≈ 3,7 · 10⁻⁶ V3,7 µV
Die Hallspannung im Kupfer beträgt nur etwa 3,7 Mikrovolt, obwohl 10 A fließen. Ein Halbleiterplättchen wie in Beispiel 1 (Ladungsträgerdichte etwa 10²¹ pro Kubikmeter, Dicke 0,5 mm, Strom 10 mA) liefert dagegen schon bei nur 0,10 T rund 12,5 Millivolt, also mehr als dreitausendmal so viel. Der Grund ist die viel kleinere Ladungsträgerdichte im Halbleiter. Deshalb bestehen Hall-Sensoren aus Halbleitern und nicht aus Metall.
Typische Fehler beim Hall-Effekt
Der häufigste Fehler ist, die Lorentzkraft mit der elektrischen Kraft zu verwechseln. Die Lorentzkraft wirkt auf bewegte Ladungen im Magnetfeld und drängt die Ladungsträger zur Seite. Die elektrische Kraft entsteht erst durch die Ladungstrennung und wirkt ihr entgegen. Beide sind im Gleichgewicht gleich groß, nur dann bleibt die Hallspannung konstant.
Der zweite Fehler betrifft die Geometrie. Das Magnetfeld muss senkrecht zur Plättchenfläche stehen. Liegt es parallel zum Strom, wirkt keine Lorentzkraft und es entsteht keine Hallspannung. Die Spannung wird außerdem quer zum Strom abgegriffen, nicht entlang des Stroms. Wer am falschen Paar Kontakte misst, sieht nur die gewöhnliche Spannung durch den Widerstand.
Der dritte Fehler ist die Einheitenverwechslung bei den Größen. Die Dicke d gehört in Meter, wer 0,1 mm als 0,1 m einsetzt, ist um den Faktor tausend falsch. Ein weiterer Fehler ist die Annahme, im Metall flössen nur positive Ladungen. Die Ladungsträger sind meist Elektronen, und in manchen Stoffen wie Zink oder p-dotierten Halbleitern liefern die positiven Löcher das Vorzeichen.
Hall-Effekt im Alltag und Tipps für die Klausur
Hall-Sensoren sind klein, billig und robust. Im Auto messen sie die Stellung der Kurbelwelle, die Raddrehzahl fürs ABS oder die Position des Gaspedals. In Laptops erkennen sie, ob der Deckel geschlossen ist, im Handy dienen sie als Kompass, und in Stromzangen messen sie das Magnetfeld des Stroms, ohne den Draht zu berühren. Auch in vielen Elektromotoren steuern Hall-Sensoren, wann welche Spule Strom bekommt.
Der Effekt ist auch ein Werkzeug der Forschung. Aus dem Vorzeichen und der Größe der Hallspannung bestimmen Physiker, welche Ladungsträger in einem Material fließen und wie viele es pro Kubikmeter sind. Daraus ergibt sich die Ladungsträgerdichte n, die bei Halbleitern, Solarzellen und Computerchips eine zentrale Größe ist. Bei sehr tiefen Temperaturen und starken Feldern wird die Hallspannung in Stufen quantisiert, das ist der Quantenhall-Effekt von Klaus von Klitzing von 1980.
In der Klausur zeichnest du zuerst die Skizze mit Strom, Magnetfeld, Lorentzkraft und den getrennten Ladungen. Dann schreibst du das Kräftegleichgewicht auf und leitest die Formel U gleich v mal B mal b her. Wenn I gegeben ist, nutzt du U gleich I mal B durch n mal e mal d. Achte auf Einheiten und darauf, welche Kante die Hallspannung abgreift.
Jetzt bist du dran
Welche Kraft trennt beim Hall-Effekt die Ladungsträger im Plättchen?
Noch nicht. Bewegte Ladungsträger werden im Magnetfeld von der Lorentzkraft zur Seite gedrängt. So entsteht die Ladungstrennung, die zur Hallspannung führt.
Das Wichtigste in Kürze
- Beim Hall-Effekt lenkt die Lorentzkraft Ladungsträger in einem stromdurchflossenen Plättchen zur Seite, quer dazu entsteht die Hallspannung.
- Im Gleichgewicht ist e mal E gleich e mal v mal B. Daraus folgt U gleich v mal B mal b.
- Mit der Stromstärke gilt U gleich I mal B geteilt durch n mal e mal d. Die Spannung ist proportional zu B.
- Kleine Ladungsträgerdichte bedeutet große Hallspannung, deshalb nutzt man Halbleiter für Sensoren.
- Das Vorzeichen der Hallspannung zeigt, ob negative oder positive Ladungsträger den Strom tragen.
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Häufige Fragen zu Hall-Effekt: Hallspannung und Hall-Sensor
- Was ist der Hall-Effekt?
- Der Hall-Effekt ist das Entstehen einer elektrischen Spannung quer zu einem stromdurchflossenen Leiter, der senkrecht von einem Magnetfeld durchsetzt wird. Die Lorentzkraft lenkt die Ladungsträger zu einer Seite, dort sammelt sich Ladung, und zwischen den Seiten baut sich die Hallspannung auf. Edwin Hall entdeckte ihn 1879.
- Wie entsteht die Hallspannung?
- Die Lorentzkraft drängt die bewegten Ladungsträger an eine Längskante des Plättchens. Dort entsteht ein Ladungsüberschuss, auf der Gegenseite ein Mangel. Das dadurch entstehende elektrische Feld wirkt der Lorentzkraft entgegen. Sind beide Kräfte gleich groß, bleibt die Hallspannung konstant. Dieses Gleichgewicht stellt sich innerhalb eines winzigen Bruchteils einer Sekunde ein, danach fließt der Strom wieder geradeaus durch das Plättchen.
- Wie lautet die Formel für die Hallspannung?
- Es gilt U gleich v mal B mal b mit der Driftgeschwindigkeit v, der Flussdichte B und der Breite b des Plättchens. Mit der Stromstärke I ergibt sich daraus U gleich I mal B geteilt durch n mal e mal d. Dabei ist n die Ladungsträgerdichte und d die Dicke des Plättchens.
- Wofür braucht man den Hall-Effekt?
- Man nutzt ihn zur Messung von Magnetfeldern und für Sensoren. Hall-Sensoren erfassen Drehzahlen, Positionen und Ströme, etwa im ABS, an der Kurbelwelle, im Handy oder in Stromzangen. Außerdem bestimmen Physiker mit ihm, welche Ladungsträger in einem Material fließen und wie dicht sie sind.
- Warum nutzt man für Hall-Sensoren Halbleiter?
- Die Hallspannung ist umgekehrt proportional zur Ladungsträgerdichte. Halbleiter haben viel weniger frei bewegliche Ladungsträger als Metalle, deshalb ist die Spannung bei gleichem Strom und Magnetfeld tausendfach größer. Im Metall wäre sie nur wenige Mikrovolt groß und kaum messbar. Außerdem lassen sich Halbleiter in kleine Chips mit Verstärkerschaltung integrieren.
- Woran erkennt man die Art der Ladungsträger?
- Am Vorzeichen der Hallspannung. Bewegen sich Elektronen, wird die eine Längskante negativ, bei positiven Ladungsträgern wie Löchern in p-dotierten Halbleitern die andere. So lässt sich bestimmen, ob ein Material von Elektronen oder Löchern geleitet wird. Auch einige Metalle wie Zink liefern ein positives Vorzeichen.
- Was ist der Unterschied zwischen Hall-Effekt und Lorentzkraft?
- Die Lorentzkraft ist die Kraft, die ein Magnetfeld auf bewegte Ladungen ausübt. Der Hall-Effekt ist eine Folge davon: Sie trennt die Ladungen im Leiter, und es entsteht eine messbare Spannung. Die Lorentzkraft ist also die Ursache, die Hallspannung das Ergebnis im Plättchen.
- Wie funktioniert ein Hall-Sensor im Auto?
- Ein Hall-Sensor besteht aus einem kleinen Halbleiterplättchen, durch das ein Strom fließt. Ein Magnet oder Zahnrad am Rad oder an der Kurbelwelle ändert beim Vorbeidrehen das Magnetfeld. Daraus entsteht eine wechselnde Hallspannung, deren Takt die Drehzahl angibt. Der Sensor arbeitet berührungslos und nutzt sich nicht ab.
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