Klassenspace

Die deutschen Kolonien

Die deutschen Kolonien waren Gebiete in Afrika, Asien und im Pazifik, die das Deutsche Reich zwischen 1884 und 1919 als „Schutzgebiete“ beherrschte. In dieser Lektion lernst du, welche Kolonien es gab, mit welcher Gewalt die deutsche Herrschaft gegen die einheimische Bevölkerung durchgesetzt wurde und warum Deutschland die Kolonien 1919 wieder verlor.

  • Fach: Geschichte
  • Klasse 9
  • Thema: Moderne
  • Dauer: 20 Min
  • Niveau: Mittel
1

Der Beginn der deutschen Kolonialherrschaft

Anders als Großbritannien oder Frankreich begann das Deutsche Reich erst spät, ab 1884, eigene Kolonien zu erwerben. Reichskanzler Otto von Bismarck stand Kolonien lange skeptisch gegenüber, gab aber dem Druck von Kaufleuten und nationalistischen Gruppen nach, die deutsche Gebiete in Übersee forderten.

Auf der Berliner Kongokonferenz 1884 und 1885 einigten sich europäische Mächte auf Regeln für die Aufteilung Afrikas untereinander, ohne die betroffene afrikanische Bevölkerung dabei zu beteiligen. Diese als „Wettlauf um Afrika“ bekannte Aufteilung ebnete auch den Weg für die deutschen Kolonien.

Deutschland bezeichnete seine Kolonien offiziell beschönigend als „Schutzgebiete“, tatsächlich handelte es sich um Gebiete, die durch militärische Gewalt, Verträge unter Druck und wirtschaftliche Ausbeutung unter deutsche Herrschaft gebracht wurden. Die einheimische Bevölkerung hatte dabei keine politischen Mitspracherechte.

Zwischen 1884 und 1919 beherrschte das Deutsche Reich Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik.
2

Die deutschen Kolonien im Überblick

Die größten deutschen Kolonien lagen in Afrika: Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, Deutsch-Ostafrika, zu dem die heutigen Staaten Tansania, Ruanda und Burundi gehörten, sowie Kamerun und Togo in Westafrika. Hinzu kamen im Pazifik Deutsch-Neuguinea mit weiteren Inselgruppen und in China das Gebiet um Kiautschou.

In den Kolonien bauten deutsche Unternehmen vor allem Plantagenwirtschaft und den Abbau von Rohstoffen wie Kautschuk, Baumwolle und Diamanten auf. Die einheimische Bevölkerung wurde dabei häufig zu Zwangsarbeit herangezogen und mit Steuern und Landenteignungen belastet.

Verwaltet wurden die Kolonien von deutschen Gouverneuren und einer kleinen Zahl deutscher Beamter und Soldaten, die mit Gewalt gegen jeden Widerstand der einheimischen Bevölkerung vorgingen. Rechte, die deutschen Siedlern zustanden, wurden der kolonisierten Bevölkerung in aller Regel verweigert.

MerkmalWert
Beginn des Kolonialerwerbs1884
Zahl der großen Kolonien6 (Afrika, Pazifik, China)
Dauer der Kolonialherrschaft1884 bis 1919
Deutsch-Ostafrika (Fläche)größte deutsche Kolonie
Ende der KolonialherrschaftVersailler Vertrag 1919
Die deutschen Kolonien in Zahlen (gerundete Werte)
Um 1900 erstreckten sich die deutschen Kolonien über Afrika, China und den Pazifik.
3

Kolonialherren und kolonisierte Bevölkerung im Vergleich

Zwischen den deutschen Kolonialherren und der einheimischen Bevölkerung bestand ein extremes Machtgefälle. Rechte, Lebensbedingungen und Handlungsspielräume unterschieden sich fundamental.

Deutsche Kolonialverwaltung und Siedler

Hatten politische und wirtschaftliche Macht

Beispiele

  • Besetzung von Verwaltungs- und Führungsposten
  • Zugriff auf Land, Rohstoffe und Arbeitskräfte

Signalwörter

  • Eigene Gerichtsbarkeit und Rechte
  • Militärische Kontrolle über die Kolonie
  • Wirtschaftlicher Gewinn durch Export

Kolonisierte afrikanische und pazifische Bevölkerung

Hatte kaum Rechte und wenig Mitsprache

Beispiele

  • Zwangsarbeit auf Plantagen und bei Bauprojekten
  • Landenteignung und hohe Steuerlasten

Signalwörter

  • Keine politische Mitsprache
  • Gewaltsame Niederschlagung von Widerstand
  • Verlust von Land und traditioneller Lebensweise
4

Ursachen und Folgen: Der Völkermord an Herero und Nama

Erkläre, wie es in Deutsch-Südwestafrika zum Völkermord an Herero und Nama kam und welche Folgen er hatte.

Gegeben:

  • Deutsche Siedler nehmen in Deutsch-Südwestafrika zunehmend Land und Vieh der Herero und Nama in Besitz
  • 1904 erheben sich Herero, kurz darauf auch Nama, gegen die deutsche Kolonialherrschaft
  • Der deutsche General Lothar von Trotha erlässt einen Vernichtungsbefehl gegen die Herero

Gesucht:

Wie kam es zum Völkermord an Herero und Nama und welche Folgen hatte er?

Lösung:

  1. Durch fortschreitende Landnahme, Vertragsbrüche und Misshandlungen durch deutsche Siedler wuchs die Not und der Widerstand unter den Herero und Nama.
  2. 1904 begannen die Herero einen bewaffneten Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft, dem sich später auch die Nama anschlossen.
  3. General Lothar von Trotha ließ die Herero systematisch in die wasserlose Omaheke-Wüste abdrängen und erließ einen offenen Vernichtungsbefehl gegen sie.
  4. Überlebende wurden in Konzentrationslager gesperrt, in denen viele an Zwangsarbeit, Hunger und Krankheiten starben, bevor der Krieg 1908 endete.

Historiker schätzen, dass zwischen 1904 und 1908 der Großteil der Herero und ein erheblicher Teil der Nama durch Kampfhandlungen, Vertreibung in die Wüste und die Bedingungen in den Lagern ums Leben kam. Diese Ereignisse gelten heute als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, den Deutschland 2021 offiziell als solchen anerkannt hat.

5

Das Ende der deutschen Kolonialherrschaft

Auch in anderen Kolonien kam es zu Widerstand gegen die deutsche Herrschaft, etwa im Maji-Maji-Aufstand von 1905 bis 1907 in Deutsch-Ostafrika, bei dem mehrere afrikanische Volksgruppen gemeinsam gegen die Kolonialmacht kämpften. Auch dieser Aufstand wurde von deutschen Truppen mit großer Härte niedergeschlagen, wobei durch Kämpfe und eine gezielte Hungerstrategie ebenfalls sehr viele Menschen starben.

Mit dem Ersten Weltkrieg gerieten die deutschen Kolonien zwischen die Fronten der europäischen Großmächte, da britische, französische und andere alliierte Truppen sie im Kriegsverlauf besetzten. Für die deutsche Kolonialherrschaft bedeutete der Krieg damit faktisch bereits das militärische Ende.

Endgültig verlor Deutschland alle Kolonien durch den Versailler Vertrag von 1919, der die Gebiete den Siegermächten als sogenannte Völkerbundmandate zusprach. Für die betroffene Bevölkerung bedeutete dies zunächst keine Unabhängigkeit, sondern lediglich einen Wechsel der Kolonialmacht.

6

Typische Fehler und Alltagsbezug

Ein häufiger Fehler ist die Vorstellung, die deutsche Kolonialzeit sei im Vergleich zu anderen Kolonialmächten „harmloser“ gewesen. Tatsächlich zählt der Völkermord an Herero und Nama zu den schwersten Kolonialverbrechen überhaupt und wird von Historikern heute klar als Genozid eingeordnet.

Ein zweiter Fehler ist, den Begriff „Schutzgebiet“ wörtlich zu nehmen und daraus abzuleiten, die deutsche Herrschaft habe die einheimische Bevölkerung geschützt. Tatsächlich handelte es sich um einen beschönigenden Begriff für Gebiete, die mit Gewalt erobert und wirtschaftlich ausgebeutet wurden.

Im Alltag begegnet uns die deutsche Kolonialgeschichte heute vor allem in Debatten über Straßennamen, die Rückgabe von Kulturgütern aus kolonialem Kontext und die Aufarbeitung des Völkermords an Herero und Nama. Auch Produkte wie Kaffee oder Kakao erinnern historisch an koloniale Plantagenwirtschaft.

7

Jetzt bist du dran

Aufgabe 1 von 5

In welchem Jahr begann das Deutsche Reich, Kolonien zu erwerben (Jahreszahl)?

8

Das Wichtigste in Kürze

  • Ab 1884 erwarb das Deutsche Reich Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik, beschönigend „Schutzgebiete“ genannt.
  • Die Kolonialherrschaft beruhte auf Zwangsarbeit, Landenteignung und militärischer Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung.
  • Der Völkermord an Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 gilt heute als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.
  • Auch der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika wurde von deutschen Truppen mit großer Härte niedergeschlagen.
  • Der Versailler Vertrag von 1919 entzog Deutschland endgültig alle Kolonien.

Lektion abschließen

Schließe alle Aufgaben ab, um diese Lektion zu beenden.

0 %

Häufige Fragen zu Die deutschen Kolonien

Was waren die deutschen Kolonien einfach erklärt?
Die deutschen Kolonien waren Gebiete in Afrika, Asien und im Pazifik, die das Deutsche Reich zwischen 1884 und 1919 beherrschte und beschönigend „Schutzgebiete“ nannte. Die Herrschaft beruhte auf militärischer Gewalt und wirtschaftlicher Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung.
Welche Kolonien hatte Deutschland?
Zu den deutschen Kolonien gehörten Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (unter anderem Tansania), Kamerun, Togo, Deutsch-Neuguinea im Pazifik sowie das Gebiet um Kiautschou in China.
Was geschah mit den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika?
Nach ihrem Aufstand 1904 gegen die deutsche Kolonialherrschaft wurden Herero und später auch Nama systematisch verfolgt, in die Wüste getrieben oder in Lagern interniert. Deutschland erkannte diese Gewalt 2021 offiziell als Völkermord an.
Was ist der Unterschied zwischen dem Herero-Nama-Krieg und dem Maji-Maji-Aufstand?
Der Herero-Nama-Krieg fand ab 1904 in Deutsch-Südwestafrika statt und endete im Völkermord an Herero und Nama. Der Maji-Maji-Aufstand von 1905 bis 1907 richtete sich gegen die deutsche Herrschaft in Deutsch-Ostafrika und wurde ebenfalls sehr gewaltsam niedergeschlagen.
Warum nannte Deutschland seine Kolonien „Schutzgebiete“?
Der Begriff „Schutzgebiet“ sollte die deutsche Herrschaft rechtfertigen und beschönigen, obwohl die Gebiete mit militärischer Gewalt erobert und gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung beherrscht wurden. Von Schutz für die kolonisierte Bevölkerung konnte keine Rede sein.
Wann und wie endete die deutsche Kolonialherrschaft?
Im Ersten Weltkrieg besetzten alliierte Truppen die deutschen Kolonien, endgültig verlor Deutschland sie durch den Versailler Vertrag von 1919. Die Gebiete gingen als Völkerbundmandate an die Siegermächte über, nicht in die Unabhängigkeit.
Wird die deutsche Kolonialzeit heute aufgearbeitet?
Ja, seit einigen Jahren wird die deutsche Kolonialgeschichte verstärkt aufgearbeitet, etwa durch die offizielle Anerkennung des Völkermords an Herero und Nama 2021 sowie Debatten über Straßennamen und die Rückgabe von Kulturgütern aus kolonialem Kontext.
In welcher Klasse behandelt man die deutschen Kolonien im Geschichtsunterricht?
Die deutschen Kolonien werden meist in Klasse 9 im Rahmen des Kaiserreichs und des Imperialismus behandelt. Im Mittelpunkt stehen die Gewalt der Kolonialherrschaft, der Völkermord an Herero und Nama sowie der Verlust der Kolonien 1919.

Wiederhol diese Fragen später mit deinem Lernkarten-Trainer.

Das solltest du vorher können