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Stammbaumanalyse

Wie lässt sich aus dem Auftreten einer Krankheit über mehrere Generationen einer Familie ableiten, ob sie dominant oder rezessiv vererbt wird? In dieser Lektion lernst du, Stammbäume zu lesen, die vier klassischen Erbgänge zu unterscheiden und typische Erbkrankheiten anhand ihres Vererbungsmusters zu erkennen.

  • Fach: Biologie
  • Klasse 10
  • Thema: Genetik
  • Dauer: 24 Min
  • Niveau: Schwer
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Warum Mediziner und Genetiker Stammbäume zeichnen

Nicht jede Erbkrankheit lässt sich im Labor sofort einem einzelnen Gen zuordnen, besonders wenn nur wenige Familienmitglieder untersucht werden können. Eine wichtige Methode, um trotzdem den Erbgang aufzuklären, ist die Stammbaumanalyse: Man erfasst über mehrere Generationen, wer in einer Familie ein bestimmtes Merkmal zeigt, und zieht daraus Rückschlüsse auf den zugrunde liegenden Vererbungsmechanismus.

Diese Methode ist deutlich älter als die moderne Gentechnik und wurde schon genutzt, bevor man einzelne Gene direkt untersuchen konnte. Sie basiert auf den mendelschen Regeln, die vorhersagen, in welchem Verhältnis Merkmale bei Nachkommen auftreten, je nachdem ob ein Allel dominant oder rezessiv ist und ob das betroffene Gen auf einem Autosom oder einem Geschlechtschromosom liegt.

In der Schule wirst du meist fertige Stammbäume erhalten und musst daraus den passenden Erbgang ableiten – eine Fähigkeit, die in Klassenarbeiten und im Abitur regelmäßig geprüft wird, weil sie logisches Schlussfolgern mit genetischem Fachwissen verbindet.

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Symbole lesen: der Aufbau eines Stammbaums

In einem Stammbaum stehen Quadrate für männliche und Kreise für weibliche Personen. Ausgefüllte Symbole zeigen Personen, die das untersuchte Merkmal, meist eine Erbkrankheit, tatsächlich zeigen, während leere Symbole gesunde Personen darstellen. Ein Punkt in der Mitte eines Symbols kennzeichnet häufig Überträger bei rezessiven Erbgängen, also Personen, die das Merkmal zwar nicht zeigen, das entsprechende Allel aber in sich tragen.

Horizontale Linien verbinden Partner miteinander, senkrechte Linien führen zu den gemeinsamen Kindern, die nebeneinander auf einer eigenen Generationslinie eingezeichnet werden. Jede Generation wird meist mit römischen Zahlen von oben nach unten durchnummeriert, die Personen innerhalb einer Generation zusätzlich von links nach rechts mit arabischen Zahlen, damit sich jede einzelne Person eindeutig ansprechen lässt, etwa als „II-3“.

Um einen Stammbaum richtig zu deuten, hilft es, systematisch vorzugehen: Zunächst prüfst du, ob das Merkmal in jeder Generation auftritt oder Generationen überspringt, danach, ob eher Männer, eher Frauen oder beide Geschlechter gleich häufig betroffen sind. Aus diesen beiden Beobachtungen lässt sich der wahrscheinliche Erbgang meist eindeutig bestimmen.

Quadrate stehen für Männer, Kreise für Frauen, ausgefüllte Symbole für betroffene Personen.
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Autosomal-dominant oder autosomal-rezessiv?

Liegt das betroffene Gen auf einem Autosom, also einem der 22 nicht-geschlechtsbestimmenden Chromosomenpaare, spricht man von einem autosomalen Erbgang. Bei einem autosomal-dominanten Erbgang genügt bereits ein einziges dominantes Allel, damit das Merkmal auftritt. Typisch dafür ist, dass das Merkmal in praktisch jeder Generation auftaucht, weil ein betroffenes Elternteil es mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an jedes Kind weitergibt. Zwei gesunde Eltern bekommen dabei so gut wie nie ein betroffenes Kind.

Bei einem autosomal-rezessiven Erbgang muss dagegen ein Kind das entsprechende Allel von beiden Elternteilen erben, damit das Merkmal sichtbar wird. Das führt zu einem charakteristischen Muster: Das Merkmal kann Generationen überspringen, weil gesunde Eltern, die beide nur eine Kopie des rezessiven Allels tragen, sogenannte Überträger, dennoch ein betroffenes Kind bekommen können. Auffällig ist außerdem, dass rezessive Erbkrankheiten in Familien mit Verwandtenehen gehäuft auftreten, weil verwandte Personen mit höherer Wahrscheinlichkeit dieselben seltenen Allele tragen.

Autosomal-dominant

Ein einziges dominantes Allel reicht für das Auftreten des Merkmals.

Beispiele

  • das Merkmal erscheint in fast jeder Generation
  • ein betroffenes Elternteil hat meist auch betroffene Kinder
  • zwei gesunde Eltern bekommen praktisch nie ein betroffenes Kind

Signalwörter

  • keine Generation wird übersprungen
  • Merkmal ist bei beiden Geschlechtern gleich häufig
  • Beispiel: Chorea Huntington

Autosomal-rezessiv

Beide Allele müssen rezessiv sein, damit das Merkmal auftritt.

Beispiele

  • das Merkmal kann Generationen überspringen
  • zwei gesunde Überträger-Eltern können ein betroffenes Kind bekommen
  • gehäuftes Auftreten bei Verwandtenehen

Signalwörter

  • Generationen können übersprungen werden
  • Merkmal ist bei beiden Geschlechtern gleich häufig
  • Beispiel: Mukoviszidose
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X-chromosomale Erbgänge: warum das Geschlecht eine Rolle spielt

Liegt das betroffene Gen dagegen auf dem X-Chromosom, spricht man von einem X-chromosomalen Erbgang. Da Männer nur ein X-Chromosom besitzen (dazu ein Y-Chromosom), genügt bei ihnen bereits ein einziges betroffenes Allel auf diesem X-Chromosom, damit das Merkmal auftritt, selbst wenn es eigentlich rezessiv ist. Frauen besitzen dagegen zwei X-Chromosomen und sind bei einem rezessiven X-chromosomalen Merkmal meist nur Überträgerinnen, weil das zweite, gesunde X-Chromosom das rezessive Allel überdeckt.

Das erklärt, warum X-chromosomal-rezessive Erbkrankheiten wie Rot-Grün-Blindheit oder die Bluterkrankheit Hämophilie deutlich häufiger bei Männern auftreten als bei Frauen. Ein typisches Muster im Stammbaum: Ein betroffener Vater kann die Erkrankung nicht an seine Söhne weitergeben, weil er ihnen sein Y-Chromosom vererbt, wohl aber über seine Töchter, die dann meist unauffällige Überträgerinnen werden und die Erkrankung an ihre eigenen Söhne weitergeben können.

X-chromosomal-dominante Erbgänge sind deutlich seltener, folgen aber einem anderen Muster: Ein betroffener Vater vererbt das Merkmal an alle seine Töchter, aber an keinen seiner Söhne, weil Söhne sein X-Chromosom nicht erhalten.

Männer XY, Frauen XX → rezessive X-Merkmale zeigen sich bei Männern schon mit einem Allel
X
X-Chromosom, kann das betroffene Allel tragen
Y
Y-Chromosom, trägt das entsprechende Gen bei diesen Merkmalen nicht
v
Vater gibt sein X-Chromosom nur an Töchter weiter, nicht an Söhne
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Die vier Erbgänge im direkten Vergleich

In der Schule wird meist zwischen vier klassischen Erbgängen unterschieden: autosomal-dominant, autosomal-rezessiv, X-chromosomal-dominant und X-chromosomal-rezessiv. Jeder dieser Erbgänge hinterlässt ein eigenes, charakteristisches Muster im Stammbaum, an dem er sich meist eindeutig erkennen lässt, auch wenn in Einzelfällen mehrere Erbgänge zunächst plausibel erscheinen und weitere Generationen zur eindeutigen Klärung nötig sind.

In der Praxis reicht ein einzelner kleiner Stammbaum manchmal nicht aus, um zwischen zwei möglichen Erbgängen sicher zu unterscheiden, etwa wenn zufällig kein Überträger in der betrachteten Familie ein Kind bekommen hat. Größere Familien oder mehrere unabhängige Stammbäume erhöhen die Sicherheit der Aussage deutlich.

ErbgangTypisches MusterBeispiel
Autosomal-dominantjede Generation betroffen, beide Geschlechter gleich häufigChorea Huntington
Autosomal-rezessivGenerationen können übersprungen werden, beide Geschlechter gleich häufigMukoviszidose
X-chromosomal-rezessivdeutlich mehr betroffene Männer, Väter vererben nicht an SöhneRot-Grün-Blindheit, Hämophilie
X-chromosomal-dominantbetroffener Vater vererbt an alle Töchter, keinen SohnVitamin-D-resistente Rachitis
Die vier klassischen Erbgänge im Überblick
Jeder der vier Erbgänge zeigt ein eigenes, charakteristisches Verteilungsmuster im Stammbaum.
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Typische Fehler in Klassenarbeiten

Ein häufiger Fehler ist, ein übersprungenes Auftreten eines Merkmals automatisch mit einem X-chromosomalen Erbgang gleichzusetzen. Auch autosomal-rezessive Merkmale können Generationen überspringen, wenn beide Eltern nur Überträger sind. Entscheidend zur Unterscheidung ist, ob Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind (spricht für autosomal) oder deutlich unterschiedlich häufig (spricht für X-chromosomal).

Ein zweiter Fehler ist die Annahme, ein betroffener Vater könne ein X-chromosomal-rezessives Merkmal an seine Söhne weitergeben. Väter vererben ihren Söhnen stets das Y-Chromosom, niemals ihr eigenes X-Chromosom, deshalb sind Söhne betroffener Väter bei X-chromosomalen Merkmalen in dieser Hinsicht nicht direkt gefährdet.

Drittens wird oft vergessen, dass ein einzelner Stammbaum manchmal nicht ausreicht, um zwischen zwei Erbgängen sicher zu unterscheiden. In Prüfungen ist es dann wichtig, ehrlich zu formulieren, welche Erbgänge zu den Beobachtungen passen und welche ausgeschlossen werden können, statt eine unsichere Aussage als sicher hinzustellen.

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Ein Stammbaum mit Rot-Grün-Blindheit

In einer Familie ist der Großvater mütterlicherseits rot-grün-blind, seine Tochter zeigt das Merkmal nicht, ist aber Mutter eines rot-grün-blinden Sohnes. Der Vater der Familie ist nicht betroffen. Bestimme den wahrscheinlichen Erbgang und begründe, warum vor allem Männer betroffen sind.

Gegeben:

  • Großvater mütterlicherseits ist betroffen
  • seine Tochter (die Mutter) ist selbst nicht betroffen
  • der Sohn dieser Tochter ist betroffen, der Vater der Familie ist gesund

Gesucht:

Welcher Erbgang erklärt dieses Muster am besten?

Lösung:

  1. Das Merkmal tritt nur bei Männern auf (Großvater, Enkel), die Tochter dazwischen ist unauffällig – das spricht für einen X-chromosomalen und gegen einen autosomalen Erbgang.
  2. Der Großvater vererbt sein einziges X-Chromosom mit dem betroffenen Allel an seine Tochter, die dadurch automatisch Überträgerin wird, selbst wenn sie das Merkmal nicht zeigt.
  3. Die Tochter besitzt ein zweites, gesundes X-Chromosom von ihrer Mutter, das den rezessiven Effekt überdeckt – deshalb ist sie selbst nicht betroffen.
  4. Gibt die Tochter zufällig das X-Chromosom mit dem betroffenen Allel an ihren Sohn weiter, zeigt dieser das Merkmal, weil er nur ein X-Chromosom besitzt und kein zweites, gesundes Allel zur Überdeckung hat.
  5. Da der Vater der Familie gesund ist und keinen Einfluss auf das X-Chromosom des Sohnes hat, passt das gesamte Muster zu einem X-chromosomal-rezessiven Erbgang.

Das Muster – betroffener Großvater, unauffällige Überträgerin-Tochter, betroffener Enkel – ist typisch für einen X-chromosomal-rezessiven Erbgang, wie er tatsächlich bei der Rot-Grün-Blindheit vorliegt.

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Jetzt bist du dran!

Aufgabe 1 von 3

Wofür steht ein ausgefülltes Quadrat in einem klassischen Stammbaum?

Wofür steht ein ausgefülltes Quadrat in einem klassischen Stammbaum?
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Das Wichtigste in Kürze

  • In Stammbäumen stehen Quadrate für Männer, Kreise für Frauen, ausgefüllte Symbole für betroffene Personen.
  • Autosomal-dominante Merkmale treten in fast jeder Generation auf, autosomal-rezessive können Generationen überspringen.
  • Bei X-chromosomal-rezessiven Merkmalen sind deutlich mehr Männer betroffen, weil ihnen ein zweites X-Chromosom zur Überdeckung fehlt.
  • Väter vererben ihr X-Chromosom nur an Töchter, niemals an Söhne, die stets das Y-Chromosom erhalten.
  • Ein einzelner Stammbaum reicht manchmal nicht für eine sichere Aussage, größere Familien erhöhen die Sicherheit der Schlussfolgerung.

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Häufige Fragen zu Stammbaumanalyse

Wie liest man einen Stammbaum in der Genetik?
Quadrate stehen für Männer, Kreise für Frauen, waagerechte Linien verbinden Partner, senkrechte Linien führen zu den gemeinsamen Kindern. Ausgefüllte Symbole zeigen Personen, die das untersuchte Merkmal zeigen. Aus dem Verteilungsmuster über mehrere Generationen lässt sich der wahrscheinliche Erbgang ableiten.
Wie erkennt man einen autosomal-dominanten Erbgang?
Typisch ist, dass das Merkmal in praktisch jeder Generation auftritt, weil ein einziges dominantes Allel für das Auftreten ausreicht. Zwei gesunde Eltern bekommen so gut wie nie ein betroffenes Kind, und Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.
Wie erkennt man einen autosomal-rezessiven Erbgang?
Das Merkmal kann Generationen überspringen, weil zwei gesunde Überträger-Eltern dennoch ein betroffenes Kind bekommen können. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen, und rezessive Erbkrankheiten treten in Familien mit Verwandtenehen gehäuft auf.
Warum sind Männer bei X-chromosomal-rezessiven Krankheiten häufiger betroffen als Frauen?
Männer besitzen nur ein X-Chromosom, deshalb genügt bereits ein betroffenes Allel darauf, damit das Merkmal auftritt. Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, ein zweites gesundes Allel überdeckt bei ihnen meist die Wirkung des rezessiven Allels, sie sind dann nur Überträgerinnen.
Kann ein Vater eine X-chromosomale Krankheit an seinen Sohn weitergeben?
Nein, bei X-chromosomalen Merkmalen kann ein Vater das betroffene X-Chromosom nur an seine Töchter weitergeben, weil Söhne von ihm stets das Y-Chromosom erhalten. Eine mögliche Weitergabe an Enkel läuft dann über die Töchter als Überträgerinnen.
Was ist der Unterschied zwischen dominant und rezessiv vererbten Merkmalen?
Bei einem dominanten Merkmal reicht ein einziges entsprechendes Allel aus, damit es sichtbar wird. Bei einem rezessiven Merkmal müssen beide Allele die entsprechende Ausprägung tragen, sonst überdeckt das dominante Allel die Wirkung, und die Person bleibt nur Überträger, ohne das Merkmal selbst zu zeigen.
Welche bekannten Erbkrankheiten sind Beispiele für die verschiedenen Erbgänge?
Chorea Huntington folgt einem autosomal-dominanten Erbgang, Mukoviszidose einem autosomal-rezessiven. Rot-Grün-Blindheit und die Bluterkrankheit Hämophilie sind X-chromosomal-rezessiv, während die Vitamin-D-resistente Rachitis als Beispiel für einen X-chromosomal-dominanten Erbgang gilt.
In welcher Klasse wird die Stammbaumanalyse behandelt?
Das Thema wird meist in Klasse 10 im Rahmen der Genetik unterrichtet, oft im Anschluss an die mendelschen Regeln. In der Oberstufe wird es vertieft, unter anderem mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen für konkrete Nachkommen und komplexeren Stammbäumen mit mehreren möglichen Erbgängen.

Wiederhol diese Fragen später mit deinem Lernkarten-Trainer.

Das solltest du vorher können

Das kommt als Nächstes