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Das chemische Gleichgewicht

In dieser Lektion lernst du, dass viele Reaktionen umkehrbar sind und in einem dynamischen Gleichgewicht enden. Du unterscheidest Hin- und Rückreaktion, sagst mit dem Prinzip von Le Chatelier voraus, wie sich das Gleichgewicht verschiebt, und rechnest das am Beispiel der technisch wichtigen Ammoniaksynthese durch.

  • Fach: Chemie
  • Klasse 11
  • Thema: Chemische Reaktionen
  • Dauer: 24 Min
  • Niveau: Schwer
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Stillstand, der keiner ist

Viele Reaktionen laufen nicht vollständig in eine Richtung ab, sondern sind umkehrbar. Ein Beispiel ist die Ammoniaksynthese: N₂ + 3 H₂ ⇌ 2 NH₃. Zu Beginn entsteht schnell Ammoniak. Je mehr Ammoniak vorhanden ist, desto häufiger zerfällt es aber auch wieder in Stickstoff und Wasserstoff. Irgendwann laufen Hin- und Rückreaktion gleich schnell ab, und die Konzentrationen aller beteiligten Stoffe ändern sich nicht mehr. Dieser Zustand heißt chemisches Gleichgewicht.

Ein typischer Fehler ist die Vorstellung, im Gleichgewicht sei die Reaktion zum Stillstand gekommen oder alle Stoffe lägen in gleicher Menge vor. Beides stimmt nicht. Das Gleichgewicht ist dynamisch: Auf Teilchenebene reagieren ständig Moleküle in beide Richtungen, nur gleich schnell. Gleich sind also die Reaktionsgeschwindigkeiten, nicht die Konzentrationen. Oft liegt im Gleichgewicht viel mehr Produkt als Edukt vor oder umgekehrt, je nachdem wie weit die Reaktion von Natur aus abläuft.

Wird ein Gleichgewicht gestört, reagiert das System nach dem Prinzip von Le Chatelier, benannt nach dem französischen Chemiker Henry Louis Le Chatelier: Es weicht dem Zwang aus, den man ihm auferlegt. Fügst du Edukt hinzu, wird verstärkt Produkt gebildet. Erhöhst du die Temperatur, wird die endotherme Reaktionsrichtung begünstigt, weil sie die zugeführte Wärme aufnimmt. Erhöhst du bei Gasreaktionen den Druck, verschiebt sich das Gleichgewicht zur Seite mit weniger Gasteilchen, weil das System so dem erhöhten Druck ausweicht.

Fünf Stationen bis zum dynamischen Gleichgewicht: Am Ende laufen Hin- und Rückreaktion gleich schnell.
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Hin- oder Rückreaktion begünstigt?

Bei jeder Störung fragst du: Welche Richtung baut den Zwang ab? Diese Richtung läuft dann verstärkt ab, bis sich ein neues Gleichgewicht bei veränderten Konzentrationen einstellt.

Als Beispiel dient die exotherme Ammoniaksynthese N₂ + 3 H₂ ⇌ 2 NH₃, bei der links 4 Gasteilchen (1 N₂ + 3 H₂) und rechts nur 2 Gasteilchen (2 NH₃) stehen.

Hinreaktion begünstigt

Das Gleichgewicht verschiebt sich nach rechts, es entsteht mehr Ammoniak.

Beispiele

  • Mehr Stickstoff oder Wasserstoff zugeben
  • Druck erhöhen: 4 Gasteilchen werden zu 2

Signalwörter

  • Edukt wird zugegeben
  • Produkt wird entfernt
  • Druckerhöhung bei weniger Gasteilchen rechts
  • Temperatursenkung bei exothermer Hinreaktion

Rückreaktion begünstigt

Das Gleichgewicht verschiebt sich nach links, Ammoniak zerfällt verstärkt.

Beispiele

  • Mehr Ammoniak zugeben
  • Temperatur erhöhen: die endotherme Rückreaktion nimmt Wärme auf

Signalwörter

  • Produkt wird zugegeben
  • Edukt wird entfernt
  • Druckminderung
  • Temperaturerhöhung bei exothermer Hinreaktion
StörungReaktion des SystemsWirkung auf die Ausbeute
Edukt zugebenGleichgewicht verschiebt sich zu den Produktensteigt
Produkt entfernenGleichgewicht verschiebt sich zu den Produktensteigt
Druck erhöhen (Gasreaktion)Verschiebung zur Seite mit weniger Gasteilchenabhängig von der Gleichung
Temperatur erhöhenendotherme Richtung wird begünstigtsinkt bei exothermer Hinreaktion
Störfaktoren und Reaktion des Gleichgewichts nach Le Chatelier
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Beispiel 1: Ammoniaksynthese im Detail

Erkläre für N₂ + 3 H₂ ⇌ 2 NH₃ (exotherme Hinreaktion), wie sich Druckerhöhung, Temperaturerhöhung und Ammoniakentnahme auf die Lage des Gleichgewichts auswirken.

Gegeben:

  • N₂ + 3 H₂ ⇌ 2 NH₃
  • Hinreaktion exotherm
  • Links 4 Gasteilchen, rechts 2 Gasteilchen

Gesucht:

Richtung der Verschiebung bei drei verschiedenen Störungen

Lösung:

  1. Druckerhöhung: Das System weicht zur Seite mit weniger Gasteilchen aus, also nach rechts zu mehr NH₃.
  2. Temperaturerhöhung: Begünstigt wird die endotherme Richtung, hier die Rückreaktion, also nach links zu weniger NH₃.
  3. Ammoniak wird laufend entnommen: Das Gleichgewicht verschiebt sich nach rechts, um den entstandenen Mangel an Produkt auszugleichen.

Für eine hohe Ammoniakausbeute sind hoher Druck und niedrige Temperatur günstig, außerdem hilft laufendes Entfernen des Ammoniaks. In der Technik wird trotzdem eine mittlere Temperatur von etwa 450 °C gewählt, weil bei zu niedriger Temperatur die Reaktionsgeschwindigkeit zu klein würde.

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Beispiel 2: Le Chatelier bei Schwefeltrioxid anwenden

Für die exotherme Reaktion 2 SO₂ + O₂ ⇌ 2 SO₃: Wie wirken sich eine Druckerhöhung und eine Temperaturerhöhung auf die Ausbeute an SO₃ aus?

Gegeben:

  • 2 SO₂ + O₂ ⇌ 2 SO₃
  • Hinreaktion exotherm
  • Links 3, rechts 2 Gasteilchen

Gesucht:

Richtung der Verschiebung bei Druck- und Temperaturerhöhung

Lösung:

  1. Druckerhöhung: Das System weicht zur Seite mit weniger Gasteilchen aus, also nach rechts.
  2. Temperaturerhöhung: Begünstigt wird die endotherme Richtung, hier die Rückreaktion, also nach links.
  3. Ein Katalysator würde nur das Einstellen des Gleichgewichts beschleunigen, nicht die Lage ändern.

Höherer Druck steigert die Ausbeute an SO₃, höhere Temperatur senkt sie. Diese Reaktion ist ein Zwischenschritt bei der technischen Schwefelsäureherstellung im Kontaktverfahren.

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Typische Fehler

Ein häufiger Fehler ist zu glauben, ein Katalysator verändere die Lage des Gleichgewichts. Das stimmt nicht: Ein Katalysator setzt die Aktivierungsenergie für Hin- und Rückreaktion gleichermaßen herab und beschleunigt beide Richtungen gleich stark. Dadurch stellt sich das Gleichgewicht schneller ein, die Endkonzentrationen bleiben aber exakt dieselben wie ohne Katalysator.

Ein zweiter Fehler ist, die Wirkung einer Druckänderung auch bei Reaktionen ohne Gase oder mit gleicher Teilchenzahl auf beiden Seiten anzuwenden. Enthält die Reaktionsgleichung links und rechts dieselbe Anzahl an Gasteilchen, hat eine Druckänderung keinen Einfluss auf die Gleichgewichtslage, weil das System durch keine Verschiebung dem Druck ausweichen kann.

Ein dritter Fehler ist, bei der Temperaturänderung automatisch anzunehmen, Erwärmen begünstige immer die Hinreaktion. Tatsächlich hängt das davon ab, ob die Hinreaktion exotherm oder endotherm ist: Erwärmen begünstigt immer die endotherme Richtung, unabhängig davon, ob das die Hin- oder die Rückreaktion ist.

Die wichtigsten Regeln zum Prinzip von Le Chatelier auf einen Blick, ideal zur Wiederholung.
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Alltagsbezug: Das Haber-Bosch-Verfahren

Die Ammoniaksynthese ist keine reine Schulübung, sondern die Grundlage des Haber-Bosch-Verfahrens, mit dem seit über hundert Jahren der Großteil des weltweit benötigten Düngemittelstickstoffs hergestellt wird. Ohne dieses Verfahren könnte die Landwirtschaft nur einen Bruchteil der heutigen Weltbevölkerung ernähren, weshalb es zu den bedeutendsten chemischen Verfahren der Industriegeschichte zählt.

In der Praxis muss man zwischen chemischem Gleichgewicht und wirtschaftlicher Machbarkeit abwägen. Niedrige Temperaturen würden zwar mehr Ammoniak liefern, die Reaktion liefe dann aber viel zu langsam ab. Deshalb wählt man einen Kompromiss aus mittlerer Temperatur (rund 450 °C), hohem Druck (200 bis 300 bar) und einem Eisenkatalysator, der die Reaktionsgeschwindigkeit erhöht, ohne die Gleichgewichtslage zu verändern.

DruckNH₃-Anteil im Gleichgewicht
100 baretwa 26 %
200 baretwa 39 %
300 baretwa 48 %
1000 baretwa 80 %
Ammoniak-Ausbeute im Gleichgewicht bei 450 °C und verschiedenen Drücken
Höherer Druck verschiebt das Gleichgewicht der Ammoniaksynthese deutlich zugunsten des Produkts.
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Jetzt bist du dran

Aufgabe 1 von 3

Was ist im chemischen Gleichgewicht gleich?

Was ist im chemischen Gleichgewicht gleich?
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Das Wichtigste in Kürze

  • Im Gleichgewicht laufen Hin- und Rückreaktion gleich schnell ab.
  • Das Gleichgewicht ist dynamisch, nicht beendet – und die Konzentrationen sind meist nicht gleich.
  • Nach Le Chatelier weicht das System jedem äußeren Zwang aus.
  • Druckerhöhung begünstigt die Seite mit weniger Gasteilchen, Temperaturerhöhung die endotherme Richtung.
  • Ein Katalysator beschleunigt nur die Einstellung, nicht die Lage des Gleichgewichts.
  • Typischer Fehler: zu glauben, ein Katalysator verändere die Gleichgewichtslage – das tut er nicht.

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Häufige Fragen zu Das chemische Gleichgewicht

Was ist ein chemisches Gleichgewicht einfach erklärt?
Ein chemisches Gleichgewicht liegt vor, wenn bei einer umkehrbaren Reaktion Hin- und Rückreaktion gleich schnell ablaufen. Die Konzentrationen von Edukten und Produkten bleiben dann konstant, obwohl auf Teilchenebene ständig weiter reagiert wird. Man spricht deshalb von einem dynamischen Gleichgewicht, nicht von einem Stillstand der Reaktion.
Was besagt das Prinzip von Le Chatelier?
Das Prinzip von Le Chatelier besagt, dass ein System im Gleichgewicht auf eine Störung von außen so reagiert, dass es dem Zwang teilweise ausweicht. Erhöhst du zum Beispiel die Konzentration eines Edukts, verschiebt sich das Gleichgewicht zu den Produkten. Erhöhst du den Druck bei einer Gasreaktion, wandert das Gleichgewicht zur Seite mit weniger Gasteilchen.
Was ist der Unterschied zwischen Hinreaktion und Rückreaktion?
Bei einer umkehrbaren Reaktion, geschrieben mit dem Doppelpfeil ⇌, bildet die Hinreaktion aus den Edukten die Produkte, während die Rückreaktion aus den Produkten wieder die Edukte bildet. Im Gleichgewicht laufen beide Richtungen ständig gleichzeitig und gleich schnell ab, sodass sich die Mengenverhältnisse insgesamt nicht mehr ändern.
Wie wirkt sich Druck auf ein chemisches Gleichgewicht aus?
Druck beeinflusst nur Gleichgewichte, an denen Gase beteiligt sind und bei denen sich die Zahl der Gasteilchen zwischen Edukt- und Produktseite unterscheidet. Erhöhst du den Druck, verschiebt sich das Gleichgewicht zur Seite mit weniger Gasteilchen, weil das System so dem erhöhten Druck ausweicht. Sind auf beiden Seiten gleich viele Gasteilchen, hat Druck keinen Einfluss.
Verändert ein Katalysator die Lage des Gleichgewichts?
Nein. Ein Katalysator setzt die Aktivierungsenergie von Hin- und Rückreaktion in gleichem Maß herab und beschleunigt deshalb beide Richtungen gleich stark. Das Gleichgewicht stellt sich dadurch schneller ein, die Endkonzentrationen und damit die Lage des Gleichgewichts bleiben aber unverändert.
Warum ist das Haber-Bosch-Verfahren wichtig?
Das Haber-Bosch-Verfahren nutzt die Ammoniaksynthese N₂ + 3 H₂ ⇌ 2 NH₃, um aus Luftstickstoff und Wasserstoff Ammoniak für Stickstoffdünger herzustellen. Es ermöglicht dadurch einen Großteil der weltweiten Nahrungsmittelproduktion und gilt als eines der bedeutendsten chemischen Verfahren überhaupt, weil es die Landwirtschaft unabhängig von natürlichen Stickstoffquellen gemacht hat.
Warum wird bei der Ammoniaksynthese nicht die tiefste Temperatur gewählt?
Eine tiefe Temperatur würde zwar die Ammoniak-Ausbeute im Gleichgewicht erhöhen, weil die Hinreaktion exotherm ist, allerdings würde die Reaktion dann viel zu langsam ablaufen. In der Technik wählt man deshalb einen Kompromiss aus mittlerer Temperatur, hohem Druck und einem Katalysator, um in vertretbarer Zeit eine ausreichende Ausbeute zu erzielen.
In welcher Klasse wird das chemische Gleichgewicht behandelt?
Das chemische Gleichgewicht gehört meist zum Stoff der elften oder zwölften Klasse und setzt Kenntnisse zur Reaktionsgeschwindigkeit sowie zu exothermen und endothermen Reaktionen voraus. Es ist ein zentrales Thema der Oberstufenchemie und wird häufig mit dem Massenwirkungsgesetz und industriellen Verfahren wie Haber-Bosch verknüpft.

Wiederhol diese Fragen später mit deinem Lernkarten-Trainer.

Das solltest du vorher können

Das kommt als Nächstes