Kernspaltung und Kernfusion
In dieser Lektion lernst du, wie bei Kernspaltung und Kernfusion Energie aus Atomkernen frei wird. Du vergleichst beide Vorgänge, verstehst die Kettenreaktion und rechnest mit E = m · c² selbst nach, wie viel Energie aus einem winzigen Massendefekt entsteht.
- Fach: Physik
- Klasse 10
- Thema: Atomphysik
- Dauer: 20 Min
- Niveau: Schwer
Energie aus dem Atomkern
Ein Atomkern besteht aus Protonen und Neutronen, zusammen Nukleonen genannt. Sie werden von der sehr starken, aber nur auf kurze Entfernung wirkenden Kernkraft zusammengehalten. Wie fest ein Kern gebunden ist, hängt von seiner Größe ab: Kerne mittlerer Masse wie Eisen sind am stabilsten, weil ihre Nukleonen im Schnitt am festesten gebunden sind. Sehr schwere und sehr leichte Kerne sind dagegen weniger fest gebunden.
Daraus ergeben sich zwei Wege, Energie zu gewinnen. Bei der Kernspaltung wird ein schwerer Kern wie Uran-235 durch ein Neutron in zwei mittelschwere Kerne gespalten. Dabei werden zwei bis drei neue Neutronen frei, die weitere Kerne spalten können – eine Kettenreaktion. Im Kernkraftwerk wird sie so gesteuert, dass im Mittel genau ein Neutron eine neue Spaltung auslöst. Bei der Kernfusion verschmelzen dagegen leichte Kerne wie Wasserstoff zu Helium. So erzeugt die Sonne ihre Energie, seit rund viereinhalb Milliarden Jahren.
In beiden Fällen ist die Masse der Produkte etwas kleiner als die Masse der Ausgangsstoffe. Dieser Massendefekt wird nach Einsteins berühmter Formel E = m · c² als Energie frei. Weil c, die Lichtgeschwindigkeit, eine riesige Zahl ist und im Quadrat eingeht, reicht schon ein winziger Massenverlust für eine gewaltige Energiemenge. Genau das macht Kernreaktionen so viel ergiebiger als jede chemische Reaktion wie Verbrennung.
Spaltung oder Fusion?
Beide Vorgänge setzen Energie frei, weil die Produkte fester gebunden sind als die Ausgangskerne. Sie laufen aber in entgegengesetzter Richtung ab: Bei der Spaltung wird ein schwerer Kern zerlegt, bei der Fusion werden leichte Kerne vereinigt. Beide nähern sich damit dem stabilsten Bereich der Bindungsenergie an, der bei Eisen liegt.
Deshalb spaltet man in der Technik keine leichten Kerne und fusioniert keine schweren: Bei leichten Kernen würde Spaltung Energie kosten statt freisetzen, bei schweren Kernen gilt dasselbe für Fusion. Nur die jeweils passende Richtung bringt einen Energiegewinn.
Kernspaltung
Ein schwerer Kern wird durch ein Neutron in zwei mittelschwere Kerne zerlegt.
Beispiele
- Uran-235 zerfällt nach Neutroneneinfang in Barium-141 und Krypton-92.
- In Kernkraftwerken wird die Wärme aus Spaltungen zur Stromerzeugung genutzt.
- Die Spaltprodukte sind radioaktiv und müssen sicher gelagert werden.
Signalwörter
- schwerer Kern
- Uran
- Neutron löst aus
- Kettenreaktion
- Spaltprodukte
Kernfusion
Leichte Kerne verschmelzen bei extrem hoher Temperatur und Dichte zu einem schwereren Kern.
Beispiele
- In der Sonne verschmilzt Wasserstoff zu Helium.
- Deuterium und Tritium verschmelzen in Versuchsreaktoren zu Helium und einem Neutron.
- Forschungsanlagen wie ITER versuchen, Fusion dauerhaft zur Stromerzeugung zu nutzen.
Signalwörter
- leichte Kerne
- Wasserstoff
- Helium
- Millionen Grad
- Sterne
| Merkmal | Kernspaltung | Kernfusion |
|---|---|---|
| Ausgangsstoffe | schwere Kerne, z. B. Uran-235 | leichte Kerne, z. B. Wasserstoff |
| Energieausbeute pro Kilogramm | sehr hoch | noch höher als bei Spaltung |
| Technische Nutzung heute | Kernkraftwerke weltweit im Betrieb | nur Forschungsreaktoren, noch kein Kraftwerk |
| Risiken | radioaktive Spaltprodukte, Endlagerung | extreme Temperaturen technisch schwer beherrschbar |
Die Kettenreaktion bei der Kernspaltung
Damit aus einzelnen Spaltungen eine nutzbare Energiequelle wird, braucht es eine Kettenreaktion. Trifft ein langsames Neutron auf einen Uran-235-Kern, entsteht kurzzeitig ein instabiler Uran-236-Kern. Dieser verformt sich wie ein schwingender Wassertropfen und zerreißt schließlich in zwei mittelschwere Bruchstücke, zum Beispiel Barium-141 und Krypton-92, dazu zwei bis drei freie Neutronen.
Jedes dieser neuen Neutronen kann wieder einen weiteren Uran-235-Kern treffen und spalten. Ohne Kontrolle würde die Zahl der Spaltungen deshalb exponentiell anwachsen, wie es in einer Atombombe geschieht. In einem Kernkraftwerk werden dagegen Steuerstäbe eingesetzt, die überschüssige Neutronen aufnehmen, sodass im Mittel genau ein Neutron pro Spaltung eine neue Spaltung auslöst. Man spricht von einer kontrollierten, kritischen Kettenreaktion.
Beispiel: Energie aus einem winzigen Massendefekt
Bei einer Kernreaktion verschwindet eine Masse von 0,001 Gramm, also 1 · 10⁻⁶ kg. Wie viel Energie wird dabei nach E = m · c² frei?
Gegeben:
- m1 · 10⁻⁶ kg
- c3 · 10⁸ m/s
Gesucht:
Freigesetzte Energie ELösung:
- Formel einsetzen: Em · c²
- c² berechnen: (3 · 10⁸ ms)²9 · 10¹⁶ m²s²
- Einsetzen: E1 · 10⁻⁶ kg · 9 · 10¹⁶ m²s²9 · 10¹⁰ J
- Zum Vergleich umrechnen: 9 · 10¹⁰ J entsprechen etwa 25.000 Kilowattstunden.
Aus nur einem tausendstel Gramm Masse entstehen etwa 9 · 10¹⁰ Joule, das reicht rechnerisch für den Stromverbrauch eines Einfamilienhauses über mehrere Jahre. Das zeigt, warum schon ein kleiner Massendefekt bei Kernreaktionen enorme Energiemengen freisetzt.
Typische Fehler bei Kernspaltung und Kernfusion
Der häufigste Fehler ist die Verwechslung von Spaltung und Fusion: Viele denken, in Kernkraftwerken würden Kerne verschmolzen, dabei werden dort schwere Kerne gespalten. Fusion findet auf der Erde bisher nur in Forschungsanlagen statt, kein Kraftwerk erzeugt damit Strom für das Netz. Ein zweiter verbreiteter Irrtum ist die Vorstellung, „Kernenergie“ käme aus einer Art Verbrennung. Bei einer Verbrennung reagieren Elektronenhüllen mit Sauerstoff, die Atomkerne selbst bleiben dabei unverändert. Bei einer Kernreaktion ändert sich dagegen der Kern selbst, und die frei werdende Energiemenge ist um ein Vielfaches größer als bei jeder chemischen Reaktion.
Ein dritter Fehler ist die Annahme, bei einer Kernreaktion gingen Nukleonen verloren. Die Gesamtzahl der Protonen und Neutronen bleibt bei jeder Kernreaktion erhalten, nur ihre Verteilung auf die Kerne und ihre Bindung ändern sich. Wer beim Aufstellen einer Reaktionsgleichung die Nukleonenzahlen nicht auf beiden Seiten vergleicht, übersieht leicht, wie viele Neutronen frei werden.
Alltagsbezug: vom Kraftwerk bis zur Sonne
In Deutschland spielten Kernkraftwerke lange eine wichtige Rolle bei der Stromversorgung, die letzten Anlagen wurden 2023 abgeschaltet. Weltweit laufen aber weiterhin viele Kernkraftwerke, weil sie zuverlässig große Strommengen ohne CO₂-Ausstoß im Betrieb liefern, gleichzeitig aber radioaktive Abfälle hinterlassen, die über tausende Jahre sicher gelagert werden müssen. Die Diskussion um Kernenergie dreht sich meist genau um diese Abwägung zwischen Klimaschutz und Risiko.
Kernfusion dagegen läuft ständig über unseren Köpfen ab: Im Inneren der Sonne verschmelzen jede Sekunde gewaltige Mengen Wasserstoff zu Helium, dabei entsteht die Energie, die als Licht und Wärme zur Erde gelangt und Leben erst möglich macht. Forschungsprojekte wie der internationale Reaktor ITER in Frankreich versuchen, diesen Prozess kontrolliert auf der Erde nachzubauen, weil Fusion kaum radioaktive Abfälle erzeugt und der Brennstoff Wasserstoff praktisch unbegrenzt verfügbar ist. Bis Fusion tatsächlich Strom ins Netz liefert, sind aber noch viele technische Hürden zu lösen, vor allem die dauerhafte Beherrschung der extrem heißen Plasmen.
Jetzt bist du dran
Wodurch erzeugt die Sonne ihre Energie?
Noch nicht. Im Sonneninneren herrschen Millionen Grad und enormer Druck. Dort verschmelzen Wasserstoffkerne zu Helium, dabei wird Energie frei.
Das Wichtigste in Kürze
- Kernspaltung: Ein schwerer Kern wird in zwei mittelschwere Kerne zerlegt.
- Kernfusion: Leichte Kerne verschmelzen zu einem schwereren Kern, wie in der Sonne.
- Bei der Spaltung frei werdende Neutronen können eine Kettenreaktion auslösen.
- Die Energie stammt aus dem Massendefekt, E = m · c².
- Typischer Fehler: Nukleonen gehen nicht verloren – ihre Anzahl bleibt bei jeder Kernreaktion gleich.
- Auf der Erde liefern heute nur Kernkraftwerke mit Spaltung Strom, Fusion ist bisher Forschung.
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Häufige Fragen zu Kernspaltung und Kernfusion
- Was ist der Unterschied zwischen Kernspaltung und Kernfusion?
- Bei der Kernspaltung wird ein schwerer Kern wie Uran-235 durch ein Neutron in zwei mittelschwere Kerne zerlegt. Bei der Kernfusion verschmelzen dagegen leichte Kerne wie Wasserstoff zu einem schwereren Kern, etwa Helium. Beide setzen Energie frei, weil die entstehenden Kerne fester gebunden sind. Auf der Erde nutzen heute nur Kernkraftwerke mit Spaltung Strom, Fusion läuft bisher nur in Forschungsanlagen.
- Wie funktioniert ein Kernkraftwerk?
- In einem Kernkraftwerk spalten Neutronen Uran-235-Kerne, dabei entsteht Wärme und es werden neue Neutronen frei. Steuerstäbe bremsen die Reaktion so, dass im Mittel nur ein Neutron pro Spaltung eine weitere Spaltung auslöst. Die entstehende Wärme erhitzt Wasser zu Dampf, der eine Turbine mit angeschlossenem Generator antreibt. So wird die Kernenergie am Ende in elektrischen Strom umgewandelt.
- Warum ist Kernfusion schwieriger als Kernspaltung?
- Damit leichte Kerne verschmelzen, müssen sie ihre gegenseitige elektrische Abstoßung überwinden. Das gelingt nur bei Temperaturen von mehreren Millionen Grad und hohem Druck, wie im Inneren der Sonne. Auf der Erde ist es technisch extrem aufwendig, ein so heißes Plasma stabil einzuschließen, ohne dass es Wände berührt. Deshalb gibt es bisher nur Forschungsreaktoren wie ITER, aber noch kein Fusionskraftwerk im Netzbetrieb.
- Was bedeutet E = m · c²?
- Die Formel besagt, dass Masse und Energie ineinander umrechenbar sind: E ist die Energie, m die Masse und c die Lichtgeschwindigkeit. Weil c² eine riesige Zahl ist, entspricht schon eine winzige Masse einer gewaltigen Energiemenge. Bei Kernreaktionen wird dieser Zusammenhang sichtbar, weil ein kleiner Massendefekt in enorme Energie umgewandelt wird.
- Was ist der Massendefekt?
- Der Massendefekt ist die Differenz zwischen der Masse der Ausgangsstoffe und der Masse der Produkte einer Kernreaktion. Die Produkte wiegen zusammen etwas weniger, weil sie fester gebunden sind. Diese fehlende Masse wird nach E = m · c² als Energie freigesetzt. Der Massendefekt ist die eigentliche Quelle der Energie bei Kernspaltung und Kernfusion.
- Warum findet Kernfusion in Sternen statt?
- Sterne wie die Sonne haben durch ihre riesige Masse einen enormen Innendruck und Temperaturen von mehreren Millionen Grad. Nur unter diesen Bedingungen kommen sich Wasserstoffkerne trotz ihrer elektrischen Abstoßung nahe genug, um zu verschmelzen. Die dabei freigesetzte Energie hält den Stern stabil und strahlt als Licht und Wärme ab. Ohne diesen Gegendruck würde der Stern unter seiner eigenen Schwerkraft zusammenfallen.
- Ist Kernenergie eine Art Verbrennung?
- Nein. Bei einer Verbrennung reagieren nur die Elektronenhüllen der Atome mit Sauerstoff, die Atomkerne bleiben unverändert. Bei Kernspaltung und Kernfusion verändert sich dagegen der Atomkern selbst. Dadurch wird pro Kilogramm Brennstoff eine millionenfach größere Energiemenge frei als bei jeder Verbrennung, etwa von Kohle oder Erdgas.
- Gehen bei einer Kernreaktion Nukleonen verloren?
- Nein, die Gesamtzahl der Nukleonen, also Protonen und Neutronen, bleibt bei jeder Kernreaktion gleich. Nur ihre Verteilung auf die entstehenden Kerne und ihre Bindung untereinander ändern sich. Die Energie stammt nicht aus verlorenen Teilchen, sondern aus dem Massendefekt, weil die Produkte fester gebunden und dadurch geringfügig leichter sind.
Wiederhol diese Fragen später mit deinem Lernkarten-Trainer.
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